Was hat Lothar-Günther Buchheim uns grauen Mäusen nicht schon alles geboten! Seine Vielfach-Existenz als Sammler, Verleger, Maler und Photograph, als Autor einerseits von Büchern über den deutschen Expressionismus, andererseits des Dichtung-und-Wahrheit-Bestsellers „Das Boot“ geht weit über das Maß dessen hinaus, was andere Individuen zu rezipieren gewohnt oder gar zu produzieren imstande sind. Und so gehört Buchheim nicht der Kunst- oder der Literatur- oder Filmkritik, er ist überall dabei und deshalb für alle ein Thema.

Aber damit nicht genug. Denn parallel zu Buchheims Geschichte der Publikationen und Produktionen läuft eine andere Story ab: die Karriere seiner Kräche. Dreizehn Jahre lang prozessierte er mit der Witwe von Wassily Kandinsky um Reproduktionsrechte. Mit dem Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überwarf er sich so heftig, daß dieser ihm jene Expressionisten-Sammlung vor die Tür setzte, auf deren Eingemeindung in die Münchner Museumslandschaft fünfzehn Jahre lang hingearbeitet worden war. Mit dem Leiter des Münchner „Hauses der Kunst“, einem todkranken Mann, stritt er sich ein paar Jahre später um Termin und Größe der Ausstellung eben jener Sammlung. Beim Münchner Stadtmuseum platzte eine andere Ausstellung, die unter dem Titel „Circus Buchheim“ die ganze Sammlung von Kunst und Kuriositäten, Krempel und Kostbarkeiten, die Buchheim neben dem Expressionismus auch noch gehortet hat, zeigen sollte.

Und nun also die neueste Folge der Endlos-Serie „Buchheim gegen den Rest der Welt“: seine Expressionismus-Sammlung, die er, nach langer Suche nach dem „besten Stall“, 1981 der Stadt Duisburg als Dauerleihgabe zugesichert hatte, zieht er zurück. Begründung: die „Waschbeckenhorizontler und Indolenten“ von Duisburg hätten mit ihrer Kleinkariertheit und Spießerei, mit ihrem Mißbrauch der Kunst zu lokalpolitisch dekorativen Zwecken nicht nur seine Energie über Jahre hinweg verschlissen, sondern auch die Vision, die er im Kopf hatte, kaputt gemacht.

Die Duisburger sehen das natürlich anders: sie haben ihrem „Lehmbruck-Museum“ einen (von Buchheim als „angebaute Tortenschachtel“ qualifizierten) Neubau für die Expressionismus-Sammlung hinzugefügt, der Ende dieses Jahres eröffnet werden soll. Sie haben die von Buchheim gewünschte „Welt-Tournee“ der Sammlung organisiert, auf der die Kunstwerke, wider besseres konservatorisches Wissen, von Israel nach Amerika und Rußland nach Griechenland gejagt wurden. Sie haben Buchheim zum Ehrendoktor gemacht und seine eigenhändigen Kunstprodukte ausgestellt und mit einem dicken Katalog geehrt. Und nun also sagt Buchheim: April, April. Oder besser: Es ist mir alles zu beschissen in diesem Sauladen. Womit er natürlich durchaus nicht so unrecht hat, wenn man an die Berufsqualifikation der Kulturpolitiker im allgemeinen und in Duisburg im besonderen denkt. Der lokale Kulturdezernent, der gern durch Aggressivität und Rüpeleien auf sich aufmerksam macht, hat den Gegner/Partner Buchheim in seiner barocken Maßlosigkeit nie begriffen und sich gedacht, er funktioniere wie der gute Polit-Kumpel: einmal geschmiert, ewig solidarisch. Aber Buchheim ist nur mit sich selbst solidarisch. Und wer ihn nicht packt, den frikassiert er.

Buchheims Streitsucht hier und die Unfähigkeit der Kulturbürokratie dort: das wären, wegen des Deja-vu-Charakters, nur zwei mittelmäßige Grotesken. Zusammen aber ergibt das Ganze ein Trauerspiel. Hier eine Verwaltung, die glaubte, mit einem Brocken wie Buchheim auf dem Amtswege fertig werden zu können; dort ein Egomane, der nun schon zum zweiten Mal die Verlobung aufgekündigt hat. Alles das, versteht sich, im Namen und zum Wohle der Kunst.

Die Buchheim-Sammlung hätte die Bestände des Lehmbruck-Museums auf das beste ergänzt. Nun wird Buchheim seine Bilder nach München zurückholen – und dort im Keller jener Bayerischen Staatsgemälde-Sammlungen lagern, deren überirdischen Häusern sie vor Jahren entzogen wurde. Es lebe die Kunst. Petra Kipphoff