Von Wolfgang Gast

Lebensläufe ergeben sich nachträglich. Der Rückblick bringt biographische Ordnung in die Ereignisse. Er zieht Leitmotive in das Chaos des Mannigfaltigen ein. Was geschah, bekommt seinen Sinn oder wird sinnlos; Erfüllung und Scheitern stehen zur Wahl, wenn nur das Gefüge schlüssig ausfällt. (Auto-)Biographien sind Experimente mit angehäuftem Lebensstoff.

Die fertige Geschichte täuscht darüber hinweg, nachdem sie ein Leben zur Totalität verfaßt hat. Anders diese Sammlung sich überschneidender Fragmente, vom Autor als „Sichtschneißen“ in die eigene Vergangenheit gedacht: Das Verfahren offenbart das Versuchhatte jeder Retrospektive, die Selbstsuche als aktuellen Selbstversuch, und die Ergebnisse zeugen von der Vieldeutigkeit des Stoffes –

Dieter Wellershoff: „Die Arbeit des Lebens“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 1985, 276 S., 34,– DM.

Der Band vereinigt acht „autobiographische Texte“. Zu Beginn Momentaufnahmen aus der Kindheit; danach eine Abhandlung, die mehr analysiert als beschreibt, wie unter den Verhältnissen der späten dreißiger, frühen vierziger Jahre eine Pubertät durchlebt wurde. Auf den Bericht „Kriegsende“ folgt der historische Essay „Deutschland ein Schwebezustand“: der Nachruf auf einen Begriff. Sodann, in einem Akt literarischer „Geisterbeschwörung“, ein Familienbild; schließlich das Hauptstück, eine Kurzfassung der eigenen Lebensgeschichte, angebunden an wechselnde Wohnungen. Am Ende steht, als wäre dies der Ausblick oder vielmehr dessen Verhinderung, ein kurzer Versuch über „Langeweile und unbestimmtes Warten“.

Selbstannäherung betreiben diese Texte alle. Aber Standpunkt und Blickwinkel wechseln von Fall zu Fall, der Selbsterzähler pendelt, perspektivisch und wörtlich, zwischen ich und man.

Angelpunkt des Buches ist, wenigstens äußerlich, der „Deutschland“-Text, erstmals erschienen 1979 in Jürgen Habermas’ Sammelband „Stichworte zur Geistigen Situation der Zeit’“. Darin geht es Wellershoff um nichts geringeres als seine „Einbettung in die Gesellschaft und ins historische Schicksal der Nation“. Wobei er die plausibelste Erklärung für das Verschwinden der realen Nation seit 1945 liefert: Sie sei die Kuhhaut gewesen, auf die nach Kriegsende die Überlebenden alle Nazi-Schuld ablegten, um in ein neues Leben überwechseln zu körinen. Das so entstandene Vakuum kam den Individuen zugute. Wenn Wellershoff heute Defizite an Gemeinschaft beklagt, dann deshalb, weil demokratisch geballter Überlebenswille vonnöten wäre.