Von Daniel Passent

D er Film „Shoah“, insbesondere jene Szenen, die in Polen spielen, hat die polnische Nation moralisch erbeben lassen. Noch vor der polnischen Premiere erhob die Botschaft der Volksrepublik offiziell beim französischen Außenministerium Einspruch. Regisseur Claude Lanzmann hat es erreicht, was niemandem seit der Einführung des Kriegsrechtes in Polen gelungen ist: Die sozialistische Regierung, die katholische Kirche und fast die gesamte Nation verbündeten sich – gegen ihn.

Eine offizielle Protestnote, wenigstens zwei offizielle Stellungnahmen des Regierungssprechers (darunter ein Interview ausschließlich zum Thema „Shoah“), Hunderte von Telephonanrufen und Tausende von Briefen, die bei den Redaktionen und beim Fernsehen eingingen, Proteste des offiziellen Frontkämpferbundes sowie der regierungsfreundlichen Patriotischen Bewegung zur Nationalen Wiedergeburt, kritische Artikel in allen Zeitungen, von den Parteiorganen bis zur katholischen Presse, hitzige Polemiken im privaten Kreis und in der Öffentlichkeit, schließlich auch in meiner Polityka-Redaktion eine ganze Schublade voller Stellungnahmen, die aus Platzmangel nicht gedruckt werden konnten – all das ist seit Jahren keinem Regisseur mehr gelungen.

Um die polnische Reaktion zu verstehen, muß man Herrn Lanzmann und die Polen kennen. Simone de Beauvoir, die mit dem achtzehn Jahre jüngeren Lanzmann eng befreundet war, schildert ihn in ihren Memoiren als einen überaus bewußten und stolzen Juden, in dem die Tragödie seines Volkes tiefe Narben hinterlassen hat: „Obgleich er unter den ‚Gojim‘ viele Freunde besaß, hegte er ihnen gegenüber doch stets einen Groll. ,Immer noch möchte ich töten‘, sagte er. Ich fühlte, daß eine gewaltige Kraft, die jeden Augenblick ausbrechen konnte, in ihm lauerte und bisweilen morgens, nach stürmischen Träumen, die ihn in der Nacht heimgesucht hatten, alle seine Gedanken beherrschte; wenn er dann erwachte, schrie er mich an: ‚Ihr seid alle Kapos!‘ (...)“ (Memoiren, „Alles in allem“, Band 2, polnische Ausgabe, 1967).

Dieser stolze und verletzliche Lanzmann geriet an die stolze und verletzliche polnische Nation, die von ihrer geschichtlichen Mission überzeugt ist und unbändig wird, wenn man sie, zumal auch noch ungerechtfertigt, zu beleidigen versucht. Die Worte „Stolz, Würde und Kränkung“ sind für die Polen feststehende Begriffe, im Privatleben ebenso wie in der Öffentlichkeit.

Unlängst fühlten sich einige Mitglieder der Wahlkommission von Lech Walesa beleidigt, weil sich seine Ergebnisse vom Ausgang der Sejmwahlen nicht mit ihren Berechnungen deckten; deshalb brachten sie die Angelegenheit vor Gericht, und in Danzig fand ein richtiger Prozeß statt. Unser Regierungssprecher sagte mehrfach, daß hochrangige Politiker der USA, darunter der Präsident und Minister Weinberger, das Volk, den Staat und die Führung Polens „beleidigt“ hätten. Ich selbst habe zweimal mit Erfolg gegen jene prozessiert, die mich verleumden wollten; das erstemal hatte jemand behauptet, ich sei ein Mann des Pentagons, beim zweitenmal ging es darum, daß mir alles Polnische, Nationale und Eigene fremd sei, ich also ein abtrünniger Kosmopolit sei. Ein Pole trägt seinen Stolz im Herzen, dort, wo bei anderen die Brieftasche sitzt.

In ein solches Land kommt nun der Film „Shoah“, den Lanzmann teilweise in Polen gedreht hat. Er zeigt ein armes, verfallenes Land, ohne Autos, ohne Fernsehen, ohne ordentliche Straßen, ein Land, in dem es nur Ackergäule und klapprige Fuhrwerke gibt, rissige Wände und geborstene Mauern, in denen arme, primitive Menschen wohnen und beten, die keine tieferen Gefühle kennen, sondern zufrieden ihre Felder vor den Toren von Treblinka bestellten, während die Luft über ihnen vom Rauch der verbrannten jüdischen Leichen erfüllt war.