Wider die Fixierung auf enge therapeutische Techniken

Nicht nur die Geschichtswissenschaftler, auch die Psychologen haben den Alltag, das tägliche Leben mit seiner Routine und seinen Selbstverständlichkeiten (wieder)entdeckt. Schon immer haben sich natürlich Psychologen, die sich für Menschen, ihr Erleben und Verhalten interessierten, auch mit ihrem Alltag beschäftigt. Aber die Schwerpunkte der Forschungsaktivitäten, die Schwerpunkte der akademischen Psychologie lagen lange anderswo: auf der Diskussion um Methoden und methodologische Probleme, auf der Suche nach „formalen Mechanismen, die hinter dem konkreten Tun standen“, wie sich der Berliner Psychologie-Professor Jarg Bergold ausdrückt. „Erst in den letzten Jahren ist dann das Subjekt selbst in den Vordergrund gerückt. Man begann sich zu fragen, was es wohl denke, wie es sein Tun begründe, wie es fühle und wie seine alltägliche Welt aussehe.“

Was Ethnologen bei fremden Völkern erforschen wollten, untersuchen Seelenforscher jetzt bei den eigenen Landsleuten. Was Entwicklungspsychologen und einige wenige Persönlichkeitspsychologen in jahrzehntelanger Geduldsarbeit leisteten, ist jetzt Mode: Lebensläufe und Tagespläne einzelner Menschen, der Alltag selber steht im Mittelpunkt vieler Forschungsaktivitäten.

Während freilich die Psychologen sich wieder mehr auf die „Sicht des Subjekts“ konzentrieren, spielen sich um uns herum tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ab. Alltagsforschung darf sich daher nicht auf die Ebene des subjektiven Erlebens beschränken. Das kam Mitte Februar auch auf einer nicht alltäglichen Tagung in Berlin zur Sprache: Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie hatte ihren Psychotherapie-Kongreß diesmal unter das Motto „Veränderter Alltag und Klinische Psychologie“ gestellt.

Die Veränderungen des Alltags, von denen die Rede war, sind mittlerweile zu Reizwörtern geworden: Arbeitslosigkeit, atomare Bedrohung, Computer und Neue Medien, Krise der Familie, Aids. „Auf viele dieser Veränderungen waren die Psychologen eigentlich nicht vorbereitet. Jetzt stehen sie erst mal da mit großen Augen und sagen, was kommt da auf uns zu“, meint Jarg Bergold, der den Kongreß mitgeplant hat.

Die neuen Herausforderungen scheinen aber zweierlei zu bewirken: Der Blick vieler Psychotherapeuten weitet sich wieder, sieht wieder mehr die Grenzen der eigenen Arbeit und ihre Stelle im Alltag der Patienten. Und Vertreter und Vertreterinnen unterschiedlicher Therapieschulen, aber auch unterschiedlicher Disziplinen kommen miteinander ins Gespräch. So hatten die Verhaltenstherapeuten, einst bei vielen als Protagonisten eines behavioristischen Menschenbildes verschrien, für ihre Tagung Psychoanalytiker und Ethnologen, Sozialwissenschaftler, Sozialpädagogen sowie den amerikanischen Computerwissenschaftler und Computerkritiker Joseph Weizenbaum vom Massachusetts Institute of Technology als Redner gewonnen.

Der Computer als Therapeut?