Die Übernahme öffentlicher Krankenhäuser durch private Konzerne schadet armen Patienten

Von Rudi Hartmann

In den Vereinigten Staaten ist man daran gewöhnt. Krankenhäuser machen in Zeitungen und im Fernsehen Werbung in eigener Sache. Großanzeigen für den besten Service beim Gesundwerden, fürs schönste Krankenbett weit und breit begegnen dem Amerikaner überall. Eine Geburtsklinik in Denver führt potentiellen Kunden ihre Leistungen sogar ganz plastisch vor Augen. Auf Riesenplakaten, zehn Meter über der Straße, sieht man mehrere kerngesunde Babys vom Himmel schweben. „Unsere Standards, sprich die Qualität unserer Produkte“, heißt es dazu, „sind einfach höher.“

Es ist die Sprache der Marketing-Leute, die sich in die Informationen über Krankenhäuser eingeschlichen hat. Der Hintergrund: Die Privatwirtschaft hat sich der medizinischen Versorgung in den USA angenommen.

Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird nicht nur in der Bundesrepublik heiß diskutiert. Auch die amerikanische Bevölkerung bekommt immer wieder zu hören, daß die medizinische Versorgung eine teure Sache geworden ist und immer größere Summen verschlingt – inzwischen mehr als eine Milliarde Dollar pro Tag. Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich dagegen eine Umstrukturierung im amerikanischen Krankenhaussektor vollzogen. Mehr und mehr Kliniken werden von privaten, profitorientierten Ketten und Konzernen aufgekauft und in deren Wirtschaftsimperien eingegliedert.

„Eines nicht zu fernen Tages werden wir aufwachen und feststellen, daß einige wenige Essos und Shells die Hälfte aller Krankenhäuser kontrollieren“, prophezeite Professor W. Shonick von der University of California schon vor sechs Jahren. Heute ist dies keine Spekulation mehr. 1984 wären zwei Konzerne, die Hospital Corporation of America und die American Medical International mit Sitz in Beverly Hills in Kalifornien, mit 473 Krankenhäusern und Kliniken an die Börse gegangen. Insgesamt gibt es 28 Krankenhauskonzerne, die 958 Spitäler kontrollieren. Wie expansiv der Markt ist, zeigen die Vergleichszahlen von 1983. Da waren gerade 639 Objekte in der Hand der Ketten. Der erwirtschaftete Gewinn steigerte sich um dreißig Prozent auf stattliche 1,7 Millionen Dollar.

Wie mit Krankenhäusern Gewinn gemacht wird, zeigt ein Fall in St. Louis, wo die National Medical Enterprises (NME), Nummer drei auf dem privaten Krankenhausmarkt, das örtliche Allgemeinkrankenhaus übernahm. Als sich das Management nach einem Jahr damit brüstete, der Stadt Kosten in Höhe von 2,3 Millionen Dollar erspart zu haben, wurde NME praktisch das gesamte städtische Gesundheitswesen übertragen. Die Stadt errechnete später allerdings, daß die Firma nicht Gewinn, sondern vier Millionen Verlust gemacht hatte. Für das Rechnungsjahr 1986 verlangt NME von der Stadt weitere vier Millionen Dollar Subventionen.