Von Albert Strick

Mein Land ist kein Land, mein Land ist der Winter“, sagte einmal der kanadische Chansonnier Gilles Vigneault über seine Heimatprovinz Québec. „17 Wochen im Jahr Schnee, Frost an 245 Tagen“, bestätigen die Meteorologen. Erkenntnisse, die sich an diesem Märzmorgen auf dem Trans-Kanada-Highway in eisige Realität verwandeln. Vor ein paar Tagen verhieß der Kalender den Frühlingsanfang, doch davon können die Autofahrer auf der „Transcanadienne“, wie die Frankokanadier den 8000 Kilometer langen Highway vom Pazifik zum Atlantik nennen, im Augenblick nur träumen. Obwohl wir im Süden Kanadas sind, kaum 200 Kilometer von den USA entfernt, hat der Winter das Land noch fest im Griff. Was bei der Abfahrt in Montreal als leichter Flockenwirbel begann, hat sich zu einem Schneesturm von arktischer Qualität entwickelt. Die Konturen der Tannenwälder verschwimmen ebenso im waagerecht vorbeiwirbelnden Weiß wie die einsamen Holzhäuser der tiefverschneiten Farmsiedlungen. Leben scheint in dieser winterstarren Landschaft nur noch auf dem Highway zu pulsieren. Doch selbst dessen Symbole – grüne Schilder mit der Nummer 1 und dem kanadischen Ahornblatt – versinken mit allen anderen Hinweistafeln am Straßenrand in weißer Unleserlichkeit. Nur die gewaltigen, turmhohen Leuchtreklamen der Service-Areale können sich noch bemerkbar machen, locken im Namen von Holiday Inn und Howard Johnson’s Motorlodge, Petrocanada und Gulf Oil, McDonald’s und Burger King die Wagen von der Autobahn wie ein einsames Licht die Mücken aus der Nacht.

Die Standhaften unter den Autofahrern nehmen das Steuer fester in die Hand und versuchen, durch die Schneewände hindurchzusehen, die der Nordwind in gespenstischen Wogen quer über die Fahrbahn treibt. Dort bleibt der Schnee erstaunlicherweise kaum liegen. Da die Straße leicht erhöht gebaut ist, wird der Schnee über sie hinweggefegt und kann keine Verwehungen bilden. Die Kanadier wissen, wie man winterfeste Straßen baut

Auf einmal ist der wirbelnde Spuk vorbei. Als wir nach drei Stunden und 250 Kilometern kurz vor Quebec-City auf einer mächtigen Brücke den St.-Lorenz-Strom überqueren, bricht die Sonne durch, und bald wölbt sich ein eisblauer Himmel über einer glitzernden Winterlandschaft. Mittendrin liegt Quebec-City, Hauptstadt der gleichnamigen, flächengrößten Provinz Kanadas und Ziel unserer Reise.

Es trifft sich gut, daß man als Besucher Quebecs in der Regel mit dem Auto anreist. (Direktflüge von Europa gibt es kaum, und von Montreal aus lohnt das Fliegen nicht.) Erst wenn man ein wenig von der einförmigen Weite dieses Kontinents erfahren und vielleicht sogar Bekanntschaft mit seiner gewaltigen – mitunter auch gewalttätigen – Natur gemacht hat, kann man die Gefühle der Nordamerikaner für jene anheimelnde Stadt nachempfinden, die sich als Enklave der Alten Welt auf einem 110 Meter hohen Granitfelsen über dem St. Lorenz festgeklammert hat.

Obwohl Quebec mit rund 500 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Provinz und die siebtgrößte Kanadas ist, hat die älteste aller nordamerikanischen Städte wenig oder nichts mit den übrigen Metropolen Kanadas und der USA gemeinsam. Die andernorts in flacher Trostlosigkeit ausufernden Vorstadt-Kommerzzonen mit Motels, Schnellrestaurants und Supermärkten fehlen ebenso wie ein Downtown-Business-Zentrum mit Wolkenkratzer-Skyline. Statt dessen durchquert man nach Verlassen des Highways eine gepflegte Gartenstadt mit allerlei Regierungsgebäuden, bis der Wagen vor einer Stadtmauer ausrollt, die eine verwinkelte Altstadt mit stilvollen Bürgerhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert umgibt. Bewacht wird alles von einer trutzigen Zitadelle, die Teil einer mächtigen, zwischen 1823 und 1832 entstandenen Befestigungsanlage ist, die in Nordamerika ihresgleichen sucht.

Dem Neuankömmling bietet die Zitadelle einen prachtvollen Blick über Stadt und Strom. Dort oben ahnt man, warum der französische Seefahrer Samuel de Champlain ausgerechnet an dieser – 650 Kilometer von der Mündung des St. Lorenz in den Atlantik entfernten – Stelle im Jahre 1609 den Handelsposten Quebec gründete. Dank seines natürlichen. Hafens am hier „nur noch“ 800 Meter breiten, aber immer noch 40 Meter tiefen St. Lorenz wuchs Quebec ungeachtet aller kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Engländern zur Hauptstadt Neufrankreichs und später Britisch-Nordamerikas (Kanada). Auch wenn die Engländer beim Kampf um Nordamerika die Franzosen militärisch schließlich besiegten, kulturell hat Frankreich in Quebec bis heute den längeren Atem.