Olof Palme war ein streitbarer Mann. Ein wenig fühlte er sich immer wie der heilige St. Georg, der gegen den Drachen der Unvernunft kämpft. Dabei hätte Palme es sich in der Macht bequem machen können. Schon als junger Mann wurde er enger Mitarbeiter des schwedischen Ministerpräsidenten und lernte bei Tage Erlander, dem legendären sozialdemokratischen Regierungschef, das politische Handwerk. Als ich Palme im September vorigen Jahres besuchte, zeigte er mir die Photos der schwedischen Kabinette der Nachkriegszeit, die auf dem Flur vor seinem Amtszimmer hingen. 1963 sitzt er als jüngster Minister ganz unten am langen Tisch des Kabinetts, 1969 dann als Regierungschef ganz oben, neben dem König.

Dennoch wuchs Palme nie in die Rolle des Landesvaters hinein. Dazu fehlte ihm die nötige Gelassenheit in der Sache und die Geduld mit seinen Mitmenschen. Er liebte sie wohl, aber er wollte sie ständig zu ihrem Besseren verändern.

Palme war ein Ideologe der Vernunft – und hatte wenig Geduld mit politischen Neandertalern, die nicht erkennen wollten, was für ihn offensichtlich war. Dann packte ihn der Zorn. Sein Gesicht warf beim Sprechen viele Falten, die wie ein Lächeln erschienen; dabei war es ihm oft bitterernst. Der schwedische Wohlfahrtsstaat war für Palme Ausdruck gesellschaftlicher Räson; er focht mit Klauen und Zähnen gegen seine Widersacher. Die sah er nicht nur in Schweden. Er habe, sagte er nach dem knappen Wahlsieg im vergangenen Herbst erschöpft, aber voller Genugtuung, auch den Reaganismus und den Thatcherismus in die Flucht geschlagen.

Ein Gebot der Vernunft war für ihn auch der Ausgleich zwischen Ost und West. Dabei sah Palme sich keineswegs als Wanderer zwischen den Welten. Er hatte in Amerika studiert, war vom amerikanischen Liberalismus geprägt. Er vertraute auf die Kraft der Demokratie und mißtraute der Macht der Waffen. Im Wettlauf der Systeme hielt er den Westen für den Stärkeren, der sich deshalb auch Großzügigkeit gegenüber dem sowjetischen Rivalen leisten könne.

Palme hätte sich gewünscht und gewiß auch zugetraut, die Entspannung zwischen Ost und West voranzubringen. Als die Beziehung zwischen Moskau und Washington sich Ende der siebziger Jahre aber verspannte, war Palme in Schweden auf die Oppositionsbank gerückt. Die Arbeiten seiner „Internationalen Kommission für Abrüstung und internationale Sicherheit“, die er ungeduldig zu konkreten Vorschlägen antrieb, blieben politisch unbedeutend, weil weder das Washington Ronald Reagans noch das Moskau der kränklichen Sowjetführer darauf hören wollten. Als Palme 1982 wieder Regierungschef wurde, blockierten die Sorgen über die sowjetischen U-Boot-Aktivitäten in schwedischen Gewässern seinen Bewegungsspielraum nach Osten. Er starb, bevor er den lang geplanten Besuch bei dem neuen Kremlchef Gorbatschow machen konnte.

Nach der Wiederwahl im September 1982 war er besonders stolz auf den telephonischen Glückwunsch von Rajiv Ghandi. Auch in der blockfreien Welt war das Engagement für ihn ein Gebot der Vernunft. Daß manche die Erde in all ihrer geschichtlichen Vielfalt in die Schablone der Ost-West-Rivalität pressen wollten, schien ihm beschränkt und vermessen zugleich.

Olof Palme hat sich von der Macht nicht vereinnahmen lassen. Er war, trotz der Festigkeit der eigenen Überzeugung, stets neugierig auf neue Ideen und Argumente, dabei manchmal von fast naiver Unbefangenheit. Auf einer Tagung im Frühjahr 1984 zog er den Nato-Befehlshaber General Rogers zu einem langen Gespräch beiseite und war anschließend freudig verblüfft über dessen politisches Gespür. Allerdings: Denken war für ihn stets auch Streiten. Und wer mit der Schnelligkeit seines Verstandes nicht mithalten konnte, den ließ er durchaus seine Überlegenheit spüren.

Politikmachen, das hieß für Olof Palme: etwas verändern. Das intellektuelle Handwerkszeug dazu hat er in seinen langen politischen Lehrjahren erworben. Er war der letzte Allround-Politiker Europas. Und doch machte ihn die Erfahrung nicht zum Pragmatiker. Bis zuletzt erhob Olof Palme an die Politik einen moralischen Anspruch: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Nichts war ihm verächtlicher, als Konzessionen den Verblendeten, den Unvernünftigen zu machen. Christoph Bertram