Von Marie-Luise Heusmann

Der Hamburger Arzt Klaus Paterna bleibt hart. Wenn ein Patient zum wiederholten Mal nach Medikamenten gegen seine Schlafstörungen verlangt, klärt der Mediziner ihn darüber auf, daß Schlafmittel nur eine vorübergehende Hilfe gegen durchwachte Nächte sein können. Auf die Dauer sei eine Abhängigkeit vom Medikament zu befürchten. Auch wenn der Hilfesuchende sich uneinsichtig zeigt – ein neues Mittel verschreibt der Arzt ihm nicht.

So umsichtig handelte der Doktor nicht immer. Noch vor einiger Zeit achtete Paterna nicht unbedingt darauf, wie lange sein Patient schon mit dem Mittel lebte. Seine Hand griff meist recht schnell zum Rezeptblock. Bis er eines Tages ein höfliches Schreiben der Hamburger Ärztekammer bekam: Die Standesorganisation bat ihn konkret, die Behandlung eines bestimmten Patienten kritisch zu überprüfen. Der Krankenkasse sei eine im Ausmaß beängstigende Medikation mit einem Präparat aufgefallen, das, über einen längeren Zeitraum genommen, süchtig mache. Klaus Paterna zeigte sich in einem Gespräch mit dem Kammer-Geschäftsführer Klaus-Heinrich Damm einsichtig: „Da ist wohl einiges nicht notwendig gewesen.“

Seit der Geschäftsführer der Hamburger Ärztekammer es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Mediziner zu mehr Sorgfalt im Umgang mit Medikamenten zu erziehen, gerät ihre Therapiefreiheit an Grenzen. Für die Allgemeinheit aber hat die Kammer-Initiative zwei Vorteile: Sie dient – wie beabsichtigt – der Suchtbekämpfung, und sie fördert die Kostendämpfung im Gesundheitswesen.

Klaus-Heinrich Damm ist die Verschreibungspraxis seiner Standeskollegen schon lange ein Dorn im Auge. Um der Unsitte der Mediziner, gefährliche Pillen wie Vitaminpräparate an die Patienten zu verteilen, endgültig Einhalt zu gebieten, taten sich die Hamburger Standesorganisationen von Ärzten und Apothekern zusammen. Gemeinsam mit Kriminalpolizei und Krankenkassen erarbeiten sie seither in regelmäßigen Abständen Listen mit Medikamenten, die von der Drogenszene als Ersatzdrogen genommen werden. Die Aufstellungen bekommen die Kammermitglieder per Rundschreiben auf den Tisch.

Information tat not: Bis heute beruht die oft als lax erscheinende Verschreibungspraxis nicht selten auf purer Unwissenheit. „Da auf den Arzt pro Tag bis zu zehn Pharmareferenten mit neuen Präparaten einstürmen“, gesteht der Kammerfunktionär seinen Kollegen zu, „verliert er leicht die Orientierung.“ In der Hektik des Praxisalltags passiert es allzuoft, daß Medikamente ohne eingehendere Untersuchung in die Hand des Patienten gelangen.

Das vierteljährlich aktualisierte Rundschreiben der Ärztekammer schafft bei besonders problematischen Arzneien Abhilfe. Jedes aufgeführte Medikament ist mit einer Höchstabgabemenge versehen, die der behandelnde Arzt nicht überschreiten darf. Mehr noch: Zur besseren Kontrolle solcher Rezepte ist der Mediziner in Hamburg angehalten, sie besonders zu kennzeichnen. Sieht ein Apotheker der Hansestadt das Erkennungszeichen, kann er sicher sein, daß der Arzt sich mit Bedacht – im Rahmen seiner Therapie – für das bestimmte Medikament entschieden hat.