Von Ernst Klee

Das Frankfurter Landgericht verhandelt in diesem Jahr wohl zum letzten Mal gegen Ärzte, die am Massenmord von Kranken, Behinderten und anderen „Ballastexistenzen“ beteiligt waren. Der angeklagte Frauenarzt Dr. Aquilin Ullrich brach am 19. Februar sein Schweigen und erklärte dem Gericht, er habe „aus Liebe zu den Menschen gehandelt“.

Unmutsäußerungen aus dem Publikum, darunter viele Behinderte, beendete die Gerichtsvorsitzende mit dem Hinweis, notfalls den Saal räumen zu lassen. Doch verständlich sind solche Reaktionen gewiß, wie ein Rückblick auf das Geschehene zeigt:

70 273 Menschen sind in den Jahren 1940/41 in den Gaskammern von sechs verschiedenen Tötungs-Anstalten ermordet oder wie die Täter sagten: „desinfiziert“ worden. Die Zahlen stammen aus einer Tötungsbilanz, die der Philologe Edmund Brandt (nach dem Krieg beim Bundesministerium des Innern) 1942 erstellt hat.

Organisiert wurde der Massenmord von einer Parteidienststelle der NSDAP, der „Kanzlei des Führers“. Da diese schlecht als Firmenschild dienen kann, wird eine Zentraldienststelle gegründet, die nach ihrem Sitz in der Berliner Tiergartenstr. 4 später kurz T4 heißt. Dazu werden verschiedene Tarnunternehmen gegründet, z. B. eine „Gemeinnützige Kranken-Transport G.m.b.H.“, die den Transport der Opfer in die Vergasungsstätten besorgt. Doch alle diese Scheinfirmen existieren nur auf Briefbögen.

Über die Gründe des Massenmords hat Viktor Brack, einer der verantwortlichen Funktionäre der „Kanzlei des Führers“, keine Zweifel gelassen. In einer eidesstattlichen Erklärung zum Nürnberger Ärzteprozeß meinte er Oktober 1946, Hitler habe jene Leute ausmerzen wollen, „die für das Reich von keinem irgendwelchen Nutzen mehr waren“. Hitler sei der Ansicht gewesen, durch die Vernichtung dieser „nutzlosen Esser“ Ärzte und Pflegepersonal einzusparen und „Einrichtungen für den Gebrauch der Wehrmacht freizumachen“.

Die Opfer, die in den Tötungs-Anstalten eintreffen, sind zuvor in einem dilettantischen Verfahren erfaßt worden: Alle Anstalten müssen von Herbst 1939 an diejenigen Bewohner melden, die nicht oder nur mit mechanischen Arbeiten beschäftigt werden können. Die Meldebögen – ein DIN-A4-Blatt – werden anschließend Ärzten („Gutachtern“) vorgelegt, die in das Mordprogramm eingeweiht und angewiesen sind, im Zweifel zuungunsten der Opfer zu entscheiden. Sie fallen ihr Urteil in der Regel; ohne die Todeskandidaten gesehen zu haben.