Fände man nicht eine Erklärung in den Gerüchten, die Trophäen der Popmusik würden unter dem resoluten Einfluß einer Mafia von Interessenten vergeben, müßte man endgültig am guten Geschmack der Juroren zweifeln, die alljährlich den begehrten „Grammy“ an Künstler aus dem Show-Business verleihen. Diesen Pokal kann sich nun die britischnigerianische Popsängerin Sade, die in nur zwei Jahren vom Chormädchen der Funk-Band Pride zum Weltstar mit sechs Millionen verkauften Exemplaren ihrer ersten Langspielplatte avancierte, zu Hause aufs Vertiko stellen, wenn sie von ihrer ersten World-Tour, die sie auch auf viele Bühnen der Bundesrepublik führt, nach London zurückgekehrt ist.

Daß sie selber es gerecht findet, daß man gerade ihr den Pop-Oscar zugesprochen hat, darf allerdings bezweifelt werden. Denn noch im Sommer 1984 gab sie in einem Gespräch zu, daß ihr ein paar Stunden Gesangsunterricht nicht schaden könnten. Es sei nur nie etwas daraus geworden. Denn vor dem Ruhm habe ihr das Geld gefehlt, um einen Lehrer zu bezahlen, und danach habe sie einfach keine Zeit mehr dafür gehabt. Ihre Leidenschaft gehörte ohnehin nie den technisch versierten Sängern, sondern denen, die das Gemüt bewegen.

Auch ihre glühendsten Fans klatschten, nachdem die Euphorie des Wiedersehens vorüber war, beim Tourneestart in München eher verhalten. Auch wenn sie ein bißchen tanzt und mit ihren Musikern scherzt: Sie ist zu scheu, zu unsicher, zu ängstlich, und es fehlt ihr an Ausstrahlung. Die brauchte sie aber, um das Publikum durch die Kraft ihrer körperlichen Anwesenheit für den Verlust einer Illusion zu entschädigen, die sie selber erzeugt hat.

Denn die Illusion der Intimität, die ihr zärtlicher Flüstergesang auf den Schallplattenaufnahmen hervorgerufen hat, schwindet vor zweieinhalbtausend Menschen, die alle auf eine Bestätigung dieser ausschließlichen Nähe hoffen, die sie zwischen sich und Sade an trüben Abenden daheim mit dem Plattenspieler herstellen können.

Außerdem merken manche von ihnen vielleicht erst im Konzert, daß der Reiz des Flüsterns, diese ebenso aufregende wie aufgeregte Zurücknahme von Dynamik, so schnell vergeht wie der Duft der Rose in der Nase. Lange Riechen erhöht den Genuß ja keineswegs; Sade aber hält ihre Zuhörer am Genick fest und drückt sie eineinhalb Stunden lang in die Rosenbüsche ihrer Lieder.

Ihre aus acht Musikern bestehende Band drückt natürlich mit. Unter der Rede des Gitarristen und Saxophonisten Stuart Matthewman, der auch die meisten Stücke geschrieben und arrangiert hat, spielen alle ausgesucht wenig, wenn Sade singt. Diese Disziplin kommt der Durchhörbarkeit der Musik zugute, aber sie offenbart auch deren Schwächen. Die meisten einfacheren Harmonien werden oft von einem nur wenige Takte langen ostinaten Baß-Motiv getragen, dessen starre Rhythmik durch sparsame und geschmackvoll instrumentierte Percussion etwas aufgelockert wird. Andrew Haie bevorzugt die weichen Sounds auf seinem Keyboard und liebt getragene, gleichsam in der Schwebe gehaltene Akkorde. Den für Posaune, Trompete und Saxophon geschriebenen Bläsersatz kennzeichnet zwar sorgfältiges Studium der Vorbilder aus der Soulmusik, aber so locker und gestochen scharf wie dort wollen die synkopischen Einwürfe nicht kommen.

Hier wie auch bei den wenigen Passagen, die den Musikern Gelegenheit zu Improvisationen geben, stoßen sie an die Grenzen ihres musikalischen Gestaltungsvermögens. Die obligaten Soli sind oft betulich. Sobald die Band versucht, die auskomponierten, langsamen Popsongs zu verlassen und sich im Jazz zu versuchen, geht es schief. Was dann endlich mal swingen soll, wird sofort fest und zickig. Nur der Solo-Gitarrist Gordon Hunte entgeht dem. Sein Rhythmusgefühl und seine Phrasierung sind so souverän und eigenständig, daß man sich seinen solistischen Ausflügen bedenkenlos anvertraut.

Der einzige aber, von dem man an diesem Abend Töne jenseits des Muzak-Wohllauts der Band Sade hören wird, ist der Sonny-Rollins-Verehrer Stuart Matthewman. Gegen all das Flüstern schreit er in dieser glattgeputzten Umgebung manchmal etwas verzweifelt anmutende, kurze, expressive und immer unvermittelte Töne aus seinem Tenorsaxophon heraus, die sich aber aus den Songs nie wirklich aufdrängen. Bei so viel Wohlklang wirkt diese leicht anarchische Attitüde nur aufgesetzt. (Sade spielt am 7. 3. in der Grugahalle Essen, am 9. und 10. 3. im ICC in Berlin, am 12. 3. im Mozartsaal in Mannheim, am 13. und 14. 3. im Hamburger CCH, am 15. 3. in der Kölner Sporthalle, am 17. 3. im Kuppelsaal in Hannover und am 18./19. 3. in der Alten Oper in Frankfurt.) Tom R. Schulz