Von Gunhild Lütge

Der Mitarbeiter des Hamburger Verkehrsverbundes (HW) glaubte nicht richtig zu hören. In den frühen Morgenstunden verkündete jüngst der Norddeutsche Rundfunk seinen Frühkurier-Hörern eine besonders frohe Botschaft. Nun seien – wie schon in etlichen anderen Städten – auch in Hamburg verbilligte Umweltfahrkarten zu haben. Zwanzig Minuten später ging ein Dementi über den Sender.

Unbekannte Freunde und Förderer des öffentlichen Nahverkehrs hatten sich einen Gag erlaubt. Sie beschafften sich Briefpapier der HVV-Pressestelle, um die getürkte Neuigkeit in Redaktionsstuben zu transportieren: eine neue Karte zu geringerem Preis, gültig im gesamten HW-Gebiet, übertragbar, sogar der Transport von Fahrrädern sei erlaubt. Das Ganze für nur 68 statt 180 Mark im Monat. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace beeilte sich, den Hamburger Tarifkonstrukteuren ein großes Lob auszusprechen. Aber auch das half nichts. Es blieb alles beim alten.

Nicht so in Freiburg. Dort bedurfte es noch nicht einmal einer spektakulären Aktion, um das Experiment mit den Öko-Tickets zu wagen. Die Idee, Fahrkarten billiger zu verkaufen, um Autofahrer – der Umwelt zuliebe – von der Straße auf die Schiene zu locken, wurde erstmals in Basel verwirklicht. Freiburg bietet seit Oktober 1984 eine Monatskarte zum Einheitspreis von 38 Mark statt 51 Mark an, die zudem noch übertragbar ist. Zunächst war der Test auf ein Jahr begrenzt, dann entschlossen sich die Stadtväter im vergangenen Jahr, die Umweltkarte zur Dauereinrichtung zu machen.

Ihre Pionierarbeit stieß allerdings nicht nur auf Gegenliebe. Die Freiburger eckten ausgerechnet bei ihrem Verbandsoberen, Hans Sattler, an. Der Präsident des Verbandes Öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV) hielt die Billigtickets für die Umwelt noch im Dezember vergangenen Jahres für einen Kassenflop. Weil alle Kunden, die ohnehin Zeitkarten benutzten, sofort auf den billigeren Tarif umstiegen, sei es praktisch unmöglich, die Einnahmequelle durch zusätzliche Kunden auszugleichen.

"Der Präsident irrt", meint hingegen die Freiburger Stadträtin Sigrun Löwisch. Als Aufsichtsrätin der Freiburger Verkehrs AG weiß sie nämlich, daß die Umweltschutzkarte keine Mindereinnahmen ergeben hatten, sondern ein Plus von 50 000 Mark. Fast 4000 Autofahrer seien auf Busse und Bahnen umgestiegen. "Würde ein ähnliches Ergebnis in der ganzen Bundesrepublik erreicht, wären täglich rund eine Million Kraftfahrer weniger unterwegs", rechnet sie Sattler vor. Die "Offiziellen des öffentlichen Nahverkehrs", ließ sie wissen, daß auf diese Weise ohne spektakuläre Maßnahmen eine erhebliche Entlastung der Umwelt erreicht werden könnte.

Inzwischen zeigt sich der Verband etwas moderater. Sattler meint nun: "Wir begrüßen jede Maßnahme, die neue Fahrgäste bringt." Umwelt-Tickets seien aber nur eine von vielen Möglichkeiten und das Freiburger Modell nicht einfach übertragbar. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Beispielsweise spielt eine große Rolle, wie intensiv öffentliche Verkehrsmittel in den einzelnen Städten bereits genutzt werden. Denn danach richten sich die Chancen, überhaupt neue Kunden zu gewinnen. In Freiburg hat sich auch gezeigt, daß es nicht der geringere Preis allein war, der Autofahrer in Busse und Bahnen umsteigen ließ. Gleichzeitig wurde nämlich eine neue Stadtbahnstrecke in Betrieb genommen. Und das ist eine Binsenweisheit: Wo investiert und das Angebot attraktiver wird, wachsen auch die Fahrgastzahlen.