Von Theo Sommer

Die tödlichen Schüsse auf Olof Palme künden eine traurige Wahrheit: Es gibt keine Insel der Seligen mehr. Die Kugel von Dallas, die John F. Kennedy niederstreckte, der Mord an Aldo Moro in Rom, die Bombe von Brighton, die Margaret Thatcher galt, jetzt das Kupfermantelgeschoß, das den schwedischen Ministerpräsidenten auf offener Straße traf – sie belegen, daß Sicherheit nirgendwo verbürgt ist.

Die Zeit ist lange her, da amerikanische Präsidenten ohne Leibwächter ihren Morgenspaziergang ums Weiße Haus machten und deutsche Bundeskanzler sich ohne Bewachung unbesorgt unters Volk mischten. Wir haben uns an die Scharen von Sicherheitsbeamten gewöhnt, die unsere Regierenden beschützen. Der Anblick des segnenden Papstes in seinem kugelsicheren Glaskasten verursacht kaum noch ein Unbehagen; der Troß von Schwerbewaffneten bei Staatsbesuchen ist längst so selbstverständlich geworden wie die gepanzerten Limousinen unserer Minister. Schweden hat da bisher eine Ausnahme gemacht: ein glückliches Land, dessen Ministerpräsident unbewacht mit seiner Frau ins Kino zu gehen pflegte. Jetzt ist das Zeitalter der Arglosigkeit auch dort zu Ende.

Noch wissen wir nicht, wer der Attentäter war. Ein Irrer oder ein politischer Fanatiker? Ein Mann, den ein persönlicher Animus zu seiner Tat trieb, oder ein Überzeugungstäter, der um einer vermeintlichen Sache willen zur Pistole griff?

Noch lange nach dem Kriege galt Schweden vielen als Modell. Das Land schien den goldenen Mittelweg zwischen Sozialismus und Kapitalismus gefunden zu haben. Aber dann stieß der sozialdemokratische Traum an finanzielle Grenzen. Gleichheit artete aus in Gleichmacherei, die Suche nach Gerechtigkeit führte in einebnende Konformität, es entstand ein Ständestaat ganz neuen Typs, den seine Kritiker in aggressiver Übertreibung "Wohlfahrtsdiktatur" nannten. Das schwedische Modell mußte auf Sparkurs getrimmt werden. Zwangsläufig trug dies einige Zerrungsmomente in die sozialdemokratische Partei. Schoß der Mann an Stockholms Sveaväg, um einer eigenwilligen Vorstellung von Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen?

Denkbar ist freilich auch, daß der Mörder Palmes sich einer jener vielen Bewegungen verschrieben hat, die in den finsteren Ecken der Weltbühne ihr Wesen treiben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß tatsächlich ein Kommando Holger Meins hinter dem Attentat steht; Rache für den Sturm auf die von Terroristen besetzte bundesdeutsche Botschaft im Jahre 1975 gäbe ein spätes Motiv ab. Doch könnten auch Exilkroaten dahinterstecken – oder Kurden, die in Schweden seit langem mit Fememorden ihre Pläne verfolgen. Gegen die Händel fremder Länder, fremder Welten ist heute keiner mehr gefeit, und schon gar nicht ein Land, das sich wie Schweden mit großer Leidenschaft in der internationalen Politik engagiert hat.

Das war zumal das Verdienst Olof Palmes. Gerechtigkeit war für ihn nie ein Ziel, das er bloß in der heimischen Politik anstrebte, sie gab auch seinem weltpolitischen Wirken den Antrieb. Die Völker der Dritten Welt haben an ihm einen wortmächtigen Anwalt verloren. Entwicklungshilfe war ihm nicht nur ein nützliches Schlagwort, sondern eine Herzenssache; ein Prozent des schwedischen Bruttosozialproduktes legte er dafür an. Ebenso konsequent setzte er sich für den Frieden ein: ein kämpferischer Mahner. Nur eine Minderheit von Staaten verfüge über Atomwaffen, pflegte er zu sagen, aber die Mehrheit des Menschengeschlechts werde umkommen, wenn sie je eingesetzt würden. Daher hätten die Kleinen das Recht, ja die Pflicht, ihre Stimme zu erheben.