Pflanzen können nicht davonlaufen. Sie müssen sich auf andere Weise vor der Bedrohung durch viele hungrige Mäuler retten. Einige machen sich mit harten, nährstoffarmen Blättern, langen Dornen oder spitzen Stacheln unbeliebt. Andere verlassen sich auf eine chemische Verteidigung.

Ungefähr tausend Pflanzenarten bilden Blausäure, darunter auch einige Nutzpflanzen. Maniok, der nicht sorgfältig genug gewässert wurde, bevor er in den Kochtopf wanderte, kann gefährliche Vergiftungen verursachen. Blausäure ist nicht auf exotische Gewächse beschränkt. Auch Apfelkerne enthalten eine geringe Menge. Vergiften kann sich damit allerdings nur, wer gleich eine ganze Handvoll verspeist. Die Blumenwiesen unter den Apfelbäumen produzieren ebenfalls Blausäure. Schafgarbe, Weißklee und Hornklee sind durch diesen Giftstoff für viele gefräßige Insekten ungenießbar. Heuschrecken wenden sich schon nach einer kleinen Kostprobe ab und suchen nach bekömmlicherem Futter.

Aber kein Schutz ist vollkommen. Einige Insekten haben sich gerade auf blausäurehaltige Pflanzen spezialisiert; sie können das Gift zu harmlosen Stoffen umbauen. Die Raupe eines Bläulings etwa frißt ungestraft Hornklee. Schädlingsbekämpfung ist auch in der Natur ein zweischneidiges Schwert. Die Pflanzen müssen nicht nur damit rechnen, daß ihre chemische Verteidigung gegen manche Insekten wirkungslos ist. Ihre Waffen können sich sogar gegen sie selbst richten. Ein Blattkäfer aus der Sierra Nevada verwendet zum Beispiel den Giftstoff seiner Futterpflanze für die eigene Verteidigung. Deshalb frißt er, wie J. Z. Smiley und Mitarbeiter von der University of California in Science berichten, bevorzugt Blätter, die viel Salicin enthalten. Je mehr dieses giftigen Glucosids der Salicylsäure ein Weidenbusch bildet, desto verlockender wird er für die Schädlinge. In einer Drüse spaltet der Käfer das aufgenommene Salicin in Glucose und Salicylaldehyd. Dieser Stoff sollte nicht mit Acetylsalicylsäure, dem bekannten Schmerzmittel Aspirin, verwechselt werden. Das Drüsensekret bewahrt den Käfer nicht vor Kopfschmerzen, sondern vermindert seine Gefahr, selbst gefressen zu werden. Es schreckt Ameisen und wahrscheinlich auch andere räuberische Insekten und Spinnen ab. Je mehr Salicin ein Käfer erhält, desto mehr Sekret kann er produzieren, und desto besser ist er vor Angreifern geschützt.

Kein Wunder, daß der Schädlingsbefall proportional zur Giftigkeit der Pflanzen ansteigt statt abzunehmen. Große Salicinmengen in ihren Blättern anzureichern können sich deshalb nur Sierra-Weiden in höheren Gebirgslagen leisten. Starker Frost dezimiert die Blattkäfer dort hin und wieder. In käferreichen Gebieten wären solche giftigen Büsche vermutlich bald kahlgefressen. Bisher konnten die kalifornischen Wissenschaftler noch nicht erklären, warum die Weiden dennoch Salicin bilden. Vielleicht wirkt es gegen Mikroorganismen oder schützt vor dem Verbiß durch Wild.

Diemut Klärner