Ein Bergsteiger nahm die „Bekenntnisse“ des Augustinus mit auf die Höhen und las auf dem Gipfel betroffen den Satz: „Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern ... und verlieren sich selber dabei.“ Ein anderer Gipfelstürmer berichtet: „Ich photographiere mich zehn Minuten lang, zuerst in Farbe, dann in Schwarzweiß und nochmals in Farbe.“

Abgründe klaffen auf, wenn man die Höhenerlebnisse des italienischen Poeten Francesco Petrarca aus dem fernen Jahr 1336 vergleicht mit den neuzeitlichen des Südtiroler Parade-Alpinisten Reinhold Messner. Gelegenheit dazu gibt die Anthologie: „Berge, Täler, Menschen; herausgegeben von Martin Lutterjohann, Harnach Verlag, München 1985; 280 Seiten, 34 Mark.

Dichter und Forscher, Jäger und Bergsteiger beschreiben darin ihre Begegnungen mit Bergen aller Kontinente, setzen sich auseinander mit einem der mächtigsten und ältesten Symbole der Menschheit. Als Spiegel unterschiedlicher Epochen, Charaktere und Interessen lassen sich die Geschichten lesen. „Das große Grauen“ (Charles Ferdinand Ramuz) und die „märchenhafte Empfindung“ (Heinrich Heine) machen sie deutlich, lassen den „Sensenhieb des Todes“ (Emilio Comici) hören und, in der Erzählung des deutschen Bergsteigers Reinhard Karl, den Lärm der Leere in der dünnen Luft des K2: „Die Stille hier zerstört deine Ohren genauso wie ein Preßlufthammer.“

Auch Zeugnisse früher naturkundlicher Expeditionen finden sich in dem Lesebuch. Alexander von Humboldt rückte dem Chimborasso, Charles Darwin den Kordilleren zu Leibe. Mehr als alle metaphysischen Erlebnisse freilich interessierten die frühen Forscher alle Arten von Pflanzen, Steinen, Tieren und Witterungsphänomenen.

In den Tälern, zu Füßen der Berge haben immer schon Menschen gelebt. Wie sie fühlen und denken, bauen und ihr karges Land bestellen, schildert so mancher Autor mit großer Einfühlsamkeit, Carl Zuckmayer zum Beispiel in seinen Erinnerungen an die erste Begegnung mit dem Hochtal von Saas Fee, seiner letzten Heimat nach dem Exil in Amerika.

*

Andere alpine Bücher als „die jeweils modernsten Bergführer und Wegweiser“ hält der Autor Helmut Zebhauser für einen Bergsteiger entbehrlich. Auch sein eigenes: Vom Unsinn des Bergsteigens (Bergverlag Rudolf Rother, München 1985; 155 Seiten, 26,80 Mark). Wer Lust auf lästerliche Betrachtungen über alle möglichen Auswüchse des Alpinismus hat, sollte dennoch darin blättern – auch auf die Gefahr hin, zwischendurch einmal einer Platitüde zu begegnen. iso