Von Werner Weidenfeld

Das Buch fällt aus dem Rahmen. In einer Phase intensivierter Selbstreflexion der Deutschen werden inzwischen etliche Versuche zur gedanklichen Rationalisierung jener kollektiven Suchbewegungen angeboten. Da werden Traditionslinien nachgezeichnet, gedankliche Verwerfungen skizziert, Kontinuitätsbrüche markiert. Geistesgeschichtliche wie weltpolitische Systeme werden als Erklärungshilfen bemüht, um die Frage der Deutschen nach ihrer Identität in einen angemessenen Rahmen einzuordnen. So wichtig die wissenschaftlichen Ergebnisse auch waren, die in diesem Zusammenhang vorgelegt wurden, die Befindlichkeit der Deutschen erscheint in vielem damit nicht ausgelotet, nach wie vor schwer begreifbar, schwer beschreibbar, schwer fixierbar. Eigentlich bietet es sich dann doch geradezu als selbstverständlich an, einmal einen anderen Zugang zum Thema zu wählen. Und trotzdem erscheint die Idee, die Marielouise Janssen-Jurreit verwirklicht hat, irgendwie überraschend, irritierend und faszinierend zugleich. Sie fragt nach den Gefühlen zur Lage der Nation:

Marielouise Janssen-Jurreit (Hrsg.): Lieben Sie Deutschland? Gefühle zur Lage der Nation; Piper, München 1985; 336 S., 14,80 DM

Diese Frage von unkonventioneller Direktheit wurde 44 Autoren gestellt, die sich provozieren ließen, ihre persönliche Gemütslage ein Stück weit zu Papier zu bringen. Ob man im Mikrokosmos individueller Intentionen die Signale der Bestseller vergangener Jahre – ein schwieriges Vaterland, die deutsche Neurose, die verunsicherte Republik, die Angst der Deutschen – wiederfindet? Ich meine: ja. Und das macht das Packende dieses Buches aus: jene Identitätsdefekte, Identitätsdefizite und Identitätsbeschreibungen nicht bloß als große Systemanalyse nach- und mitvollziehen zu können, sondern als persönliche Ausrufe, selbstquälerische Reflexe, ratlose Selbstbefragungen, grandiose Standortbestimmungen. Dabei ist allein das Aufwerfen der Identitätsfrage die eigentliche Problemanzeige: Sie bereits signalisiert die Risse, Verletzungen und Komplikationen – weil hier Identität keine unbefragte Selbstverständlichkeit ist.

Einzelne Autoren nach ihrem persönlichen Anteil an einer kollektiven Befindlichkeit zu fragen, hat durchaus weit über das impressionistische Erlebnis hinaus seinen Sinn: Denn die Welt, in der wir leben und die wir konstruieren, ist eine intersubjektive Welt. Die Eigenart erfahre ich im Austausch mit anderen, im Unterschiedensein von ihnen. Die Begegnung mit dem anderen ist der typische Anlaß für die Besinnung auf mich selbst. Ich teile also meine Welt mit anderen, konstruiere mit ihnen zusammen das Verständnis des gemeinsamen Horizonts. Die Identität eines jeden hat diese kollektive Dimension: Sie ist geprägt von einer Fülle solcher Intersubjektivitäten, von einer Fülle solcher Gemeinschaftserfahrung. Mit Recht hat insofern die Herausgeberin ihre Autoren gefragt: „Wieviel von Deutschland ist im eigenen Ich enthalten?“ Das Buch ist gleichsam ein Führer zur Innenansicht der Republik. Dirk Schneider, einst deutschlandpolitischer Sprecher der Grünen im Deutschen Bundestag, kam aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland, ging nach Schweden und kam zurück: „Da blieb kein Ausweg. Es gab kein Ausweichen in eine andere Identität, keinen europäischen Status, keine Flucht in eine Art Weltbürgertum. Ich war Deutscher, einschließlich aller Unarten, Fehler und der entsetzlichen Geschichte dieser Nation.“

Viele Beiträger sind der Frage des Buches mit einer außerordentlichen, fragilen Feinfühligkeit nachgegangen. Schuld und Verantwortung für schrecklichste Perversionen der Geschichte – das Thema bewegt viele der Autoren. Schade, daß sich manche Stereotype der gängigen Diskussion auch auf die Seiten dieses Buches zwängt: Reicht es, bloß zurückzufragen, welches Deutschland denn gemeint sei? Man tut gut daran, weiterzublättern, weiterzulesen. Da gibt es den melancholischen Abschied von der Nation, formuliert von der Berliner Erziehungswissenschaftlerin Christa Thürmer-Rohr. Da liest man mit angehaltenem Atem die Selbstbefragung einer 80jährigen Jüdin, die Deutschsein als Hölle erlebt hat:

„Lieben Sie Deutschland? Sehr energisch: nein. Lieben Sie Deutschland? Nachdenkend, zögernd: vielleicht, irgendwie. Obwohl ich, weiß Gott, keinen Grund dazu habe. Zudem ist Liebe bestimmt nicht das richtige Wort. Trotzdem: Es ist mein Land. Ob es mir gefällt oder nicht. Hitler hat mich gelehrt, es zu fürchten. Aber weggenommen hat er es mir nicht. Ich war lange Zeit, wie Hans Mayer sagt, ein Deutscher auf Widerruf. Der Widerruf ist widerrufen worden, ein gewisses Mißtrauen bleibt.“