Von Günter Wimhier

Wortlos schwenkt der Indio den Weihrauchkessel. Am Boden kauern drei Indianerinnen unbestimmbaren Alters und ein jüngerer Mann. Ein offenes Feuer haben sie hier auf den Stufen der Kirche Santo Tomas entzündet. Fast regungslos sitzen sie da, verbrennen Copal. Ab und zu dringen unverständliche Laute an mein Ohr. Kein Wort Spanisch ist darunter – die Quiche-Indios haben die Sprache ihrer Vorfahren, der Mayas, bis auf den heutigen Tag bewahrt. Mit einem weißen Tuch versucht eine Indianerin das heilige Feuer gegen die Regentropfen und den böigen Wind zu schützen.

Seit Stunden gießt es nun schon in Chichicastenango in den Bergen Guatemalas – Regenzeit. Ein bleierner, düsterer Himmel liegt über dem Ort, Nebelschwaden ziehen über die dunkelgrünen Berghänge. Trotz meines Anoraks fröstelt es mich. Kein Wunder, liegt der Ort doch in 2500 Meter Höhe. Dabei haben die Indios, die an diesem Donnerstag aus der ganzen Provinz Quiche zum Markt gekommen sind, meist nicht einmal Sandalen an den nackten Füßen.

In der weißgestrichenen, für ein Bauwerk der spanischen Kolonialzeit recht schmucklosen Kirche Santo Tomas ist es etwas wärmer. Auch hier überall Indianer: herbe, dunkelbraune, finster bis ausdruckslos blickende Gesichter. Auf dem Boden des Gotteshauses stehen lange Reihen brennender Kerzen. Die Indios zupfen Rosenblätter, legen sie neben die Kerzen, Blatt für Blatt. Leise murmeln sie vor sich hin, eine endlose Litanei. Opfern sie ihren alten Göttern, den Gottheiten der Ernte, der Familie, des Geldes oder gar dem Regengott? Oder beten sie doch zu dem neuen Gott, den der weiße Mann in ihr Land gebracht hat? Sprechen sie mit ihren toten Eltern, Freunden und Verwandten? Erzählen sie ihnen von ihrem harten Leben, von dem Maisfeld, das der Sturm zerzaust hat, von der Enkelin, die nun in der Schule die Sprache der Weißen lernen soll?

Auf dem Papier sind sie ja alle Katholiken. Aber wenn sie Maria um etwas bitten oder einen der zahllosen Heiligen um Beistand anflehen, wenden sie sich eigentlich immer noch an ihre alten Maya-Götter. Christliche und heidnische Riten gehören in Guatemala zusammen, sind so enge Bindungen eingegangen, daß man sie nicht mehr voneinander trennen kann.

Schon am Mittwochabend haben die Händler ihre Zeltstadt auf dem Marktplatz um Santo Tomas aufgebaut. Meist sind es Mestizen, die hier zweimal in der Woche – am Donnerstag und am Sonntag – auf ihre Kosten kommen. Vor allem an nordamerikanische Touristen verkaufen sie ihre „echt-indianischen“ Produkte zu einem guten Preis. Die Indios sind viel zu arm, um sich die bunten Teppiche und die geschnitzten Figuren aus tropischen Edelhölzern leisten zu können. Sie kaufen die Bohnen, Chilischoten oder Süßkartoffeln, die malerisch auf dem Boden ausgebreitet sind.

Immer noch regnet es. Mit einer rosafarbenen Plastikhaut versucht sich ein Indiojunge gegen die Nässe zu schützen. Er begleitet einen beinamputierten Bettler, der mit seinen Krücken von Stand zu Stand humpelt. Scheu blickt eine junge Mutter, fast noch ein Mädchen, mich an. Auf ihrem Rücken trägt sie, in einen blauen Umhang gehüllt, ihr Kind. Interessiert betrachtet ihr Mann auf einem Tisch ausgebreitete Netze. Auf dem Rücken hat er einen riesigen, schweren Sack. Immer wieder hat mich in Guatemala erstaunt, welche Lasten die so schmächtig und zerbrechlich wirkenden Indianer schleppen können ...