Eine halbe Stunde Unterrichtsausfall zog jahrelangen Ärger nach sich

Von Michael Schmitz

West-Berlin

Zu erzählen ist eine Geschichte über Gewissen und Gedächtnis. Über Berliner Lehrer, die im Oktober 1983 ihren Unterricht für eine halbe Stunde unterbrachen, um so vor dem "in West und Ost vorangetriebenen atomaren Wahnsinn" zu warnen. Und über die Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien, die bis heute jene Lehrer mit immer neuen Disziplinierungen bestraft.

Die Lehrer rechtfertigten ihre einmalige Aktion, veranstaltet im Rahmen der UN-Friedenswoche, mit dem Hinweis auf "demokratisches Gewissen und pädagogische Verantwortung". Sie protestierten gegen Pershing II und SS-20, warben für Friedenserziehung und erinnerten an das Wort des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter: "Pädagogen müssen in einer Zeit fortschreitender psychischer Militarisierung überlegen, daß es nicht zuletzt von ihnen abhängt, ob Kinder und Jugendliche lernen, die Möglichkeit eines Krieges zu akzeptieren oder diesen radikal zu verwerfen".

An der Meinungsdemonstration hatten sich über 4000 Lehrer beteiligt, etwa 1000 während ihrer Dienstzeit. Für die Senatsbehörde sind sie aktenkundige Fälle, sind sie über 500 oft noch schwebende Verfahren. – Mißbilligungen, Verweise, Sachverhaltsfeststellungen heißt das Vokabular des Beamtenrechts, mit dem Disziplin und Gehorsam verlangt, Zivilcourage und Aufbegehren gemaßregelt werden. Das neueste Kapitel der Geschichte schrieb das Berliner Oberverwaltungsgericht Mitte Februar. Die beiden Berliner Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Boris Fahlbusch und Sybille Volkholz, waren angeklagt, weil sie dazu aufgerufen hatten, den Unterricht kurzzeitig zu unterbrechen.

Die Vertreter der Senatsbehörde beantragten als Strafe: Zehn Prozent Gehaltsabzug für die Dauer von drei Jahren wegen der Aufforderung, gegen das Beamtenrecht zu verstoßen. Ihre Vorwürfe hießen: "Für die Unterrichtsunterbrechung war der Weltfrieden nur ein Vorwand" und "langfristig sollte sie als ein Schritt auf dem Wege zur Durchsetzung des Beamtenstreiks dienen". Für die Justizvertreter der Hanna-Renate Laurien deshalb der Schluß: "In dieser Hinsicht muß den Anfängen gewehrt werden." Die Strafe müsse "allgemeine Abschreckung" gewährleisten, so daß Lehrer "ihrer Gewerkschaftsführung bei etwaigen künftigen Aufrufen zu rechtswidrigen Aktionen die Gefolgschaft verweigern".