Von Julius H. Schoeps

Eine Debatte spaltet seit einigen Jahren die Zeithistoriker in zwei Lager, ausgelöst durch die Geschichtsklitterungen David Irvings, der in seinem 1977 erschienenen Buch „Hitlers War“ behauptet hat, Adolf Hitler habe den Massenmord der europäischen Juden weder befohlen noch gewollt. Seitdem streiten die Historiker, ob es diesen Befehl gegeben habe oder nicht. Auf einem wissenschaftlichen Kongress in Stuttgart, veranstaltet im Mai 1984 vom Historischen Institut der dortigen Universität, der Bibliothek für Zeitschichte und dem Komitee der Bundesrepublik Deutschland in der Internationalen Gesellschaft für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, sollten die strittigen Fragen geklärt werden. Was dabei herausgekommen ist und welche Positionen vertreten wurden, liegt jetzt in dem Tagungsbericht vor, der die überarbeiteten Referate und Diskussionsbeiträge der Konferenz enthält:

Eberhard Jäckel/Jürgen Rohwer (Hrsg.): „Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung“, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985,252 S., 28,– DM

Wann also wurden im NS-Regime die Weichen für den organisierten Massenmord gestellt? Ist überhaupt eine solche Entscheidung gefällt worden? Oder hat es tatsächlich einen Prozeß der „kumulativen Radikalisierung“ gegeben, an dessen Ende, fast wie von selbst, die Vernichtungslager gestanden haben? Die Antworten, die in Stuttgart gegeben wurden, entsprachen ganz der jeweiligen theoretischen Position, die im Fachjargon der Historiker entweder als „funktionalistisch“ oder als „intentionalistisch“ bezeichnet wird.

Läßt man sich auf diese Terminologie ein, die von dem englischen Historiker Tim Mason entwickelt worden ist, und die seitdem für viel Verwirrung gesorgt hat, dann haben Martin Broszat, Hans Mommsen und Karl Schleunes in Stuttgart die Ansicht der sogenannten Funktionalisten vertreten, eine Ansicht, die meint, die innen- und außenpolitische Entwicklung des Naziregimes durch die Eigendynamik eines unkoordinierten Entscheidungsprozesses erklären zu können. Auf die auf der Konferenz verhandelte Thematik der „Entschlußbildung“ angewendet, bedeutete dies, daß bestritten wurde, es hätte einen schriftlichen oder mündlichen Befehl Hitlers zur Vernichtung der Juden gegeben. „Man sollte“, erklärte der Bochumer Historiker Mommsen in Stuttgart, „sich von der Illusion lösen, als ob im engeren Führungskreis die Endlösung der europäischen oder der Weltjudenfrage zu irgendeinem Zeitpunkt systematisch besprochen worden wäre. Wir haben es mit einer Fülle von Einzelentscheidungen, Einzelbeeinflussungen zu tun ...“

Die Mehrzahl der an dem Kongreß teilnehmenden Historiker äußerte sich skeptisch gegenüber Thesen wie dieser oder gegenüber Behauptungen wie der, daß bei den Handlangern der NS-Mordmaschinerie technokratischer Durchführungseifer von ideologischer Motivation getrennt werden müsse. Saul Friedländer, Eberhard Jäckel, Helmut Krausnick, Yehuda Bauer, Raul Hilburg und andere sprachen sich zum Teil heftig gegen „funktionalistische“ Interpretationen aus, die Hitler eine passive Rolle bei der Konzipierung und Durchführung des Mordplans zuweisen. Sie meinten, daß eine direkte Beziehung zwischen Ideologie, Planung und politischer Entscheidung bestehe und Hitler die letzthin ausschlaggebende Rolle bei der Vernichtung der europäischen Juden zuzuschreiben sei. Mit den „Funktionalisten“ stimmen sie zwar darin überein, daß ein förmlicher Führerbefehl, eine schriftliche Ausfertigung also, vermutlich nicht existiert. Sicher sind sie sich aber darin, wie dies in Stuttgart in verschiedenen Varianten vorgetragen wurde, daß Hitler im Sommer 1941 über verschiedene Befehlsstränge mündliche Anweisungen gegeben hat, das Vernichtungsprogramm in Gang zu bringen.

Umstritten ist, inwieweit tatsächlich von einer stufenweisen Eskalation in der Politik gegenüber den Juden gesprochen werden kann. War der Wortradikalismus in der NSDAP vor der Machtübernahme 1933 bereits eine ernsthafte Bekundung des Vernichtungswillens? Oder hat sich erst mit der territorialen Expansion, das heißt vor allem mit der Eroberung des größten Teils Polens im September 1939, durch die drei Millionen polnischer Juden in den deutschen Machtbereich gelangten, die Vorstellung herausgebildet, die „Judenfrage“ müsse durch ein physisches Ausrottungsprogramm gelöst werden? Für das letztere sprechen Äußerungen wie zum Beispiel von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der an Ribbentrop am 24. Juni 1940, also unmittelbar nach dem Abschluß des Frankreich-Feldzuges geschrieben hat, daß das „Gesamtproblem“ der Juden „durch Auswanderung nicht mehr gelöst werden“ könne, sondern jetzt „eine territoriale Endlösung ... notwendig“ werde. Was damit gemeint war, dürfte klar sein.