München

Die liberalitas Bavariae, deren Beschwörung zum Standardrepertoire bayerischer Rhetorik gehört, scheint es punktuell tatsächlich zu geben. Dies zeigt ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts München. Die Richter gaben der Klage eines Ehepaares statt, das seine beiden Töchter aus religiösen Gründen vom Schulsport befreit wissen wollte. Die Begründung für das elterliche Begehren: Die Kleiderordnung der „Katholisch-Apostolisch-Palmarianischen Kirche“, der die Familie angehört, verbietet Frauen jeden Alters den Besuch von Strand- oder Schwimmbädern und das Tragen von Hosen, also auch von Turnhosen.

Für die palmarianische Sekte, die nach eigenen Angaben im Großraum München 40 Mitglieder zählt, gilt ein Kuß vor der Ehe als Sünde und die Entwicklung der katholischen Kirche seit dem II. Vatikanischen Konzil 1964 wird als Abweichung vom rechten Weg des Glaubens angesehen. Weil im fünften Buch Mose geschrieben steht, daß eine Frau keine Männerkleidung tragen soll, gilt es als Frevel, wenn Frauen (die) Hosen anhaben wollen.

Clemente Gonzales, der Oberhirte der Palmarianer, der in Palma de Troya in der Nähe der spanischen Stadt Sevilla residiert und behauptet, in einer Vision von Gottvater zum Papst Gregor XVII. geweiht worden zu sein –, dieser „Gegenpapst“ droht seinen weiblichen Anhängern mit Exkommunikation, wenn sie das Hosenverbot nicht befolgen. Diese Sanktion ist in einem seiner „päpstlichen Dekrete“ vom Oktober des vergangenen Jahres vorgesehen.

Für die beiden Schulmädchen waren die Schwimmstunden fortan tabu. Am Turnen hätten sie allenfalls in über das Knie reichenden Röcken teilnehmen dürfen. Dies lehnte die Schulverwaltung aus Sicherheitsgründen ab. Auch wollte sie keine generelle Befreiung vom Sport aussprechen, da eine solche nach der Schulordnung nur aus gesundheitlichen Gründen möglich ist.

Die Eltern der Mädchen zogen vors Gericht. Dort trugen die Schulvertreter vor, daß „eine Tür geöffnet wird, die nur schwer wieder zu schließen sein wird“, wenn man dem Ansinnen der Kläger nachgebe. Eines Tages könnte dann eine Sekte womöglich die gemeinsame Erziehung von Buben und Mädchen ablehnen. Der Vorsitzende Richter Günter Blößner meinte jedoch, daß man das einzelne Begehren doch nicht allein deshalb ablehnen dürfe, weil später vielleicht weitergehende Forderungen gestellt werden könnten. Das Gericht entschied für die Eltern.

Sollte das Urteil Bestand haben, wäre die bayerische Rechtsprechung in diesem Punkt liberaler als die des Nachbarlandes Hessen. Dort hatte der Staatsgerichtshof vor einem Jahr eine Klage zurückgewiesen, die auf eine Befreiung vom Sexualkundeunterricht aus religiösen Gründen abzielte. Die obersten Verwaltungsrichter Hessens meinten, Religionsfreiheit dürfe nicht bedeuten, daß jede Sekte ihre Vorstellungen von Unterricht durchsetzen könne.

Jürgen Balthasar