Wer ist Olof Palme?“ Damals, vor fast genau zwanzig Jahren, schien die Frage berechtigt, die ein Hamburger Fernsehredakteur an mich, den frischgebackenen Skandinavien-Korrespondenten der ARD in Stockholm, stellte. Er sei, so sagte ich, jener Minister, der für den heftig umstrittenen Übergang von Links- auf Rechtsverkehr zuständig ist. Man prophezeie ihm eine bedeutsame politische Karriere, und schließlich – deutsch könne er auch. So kam ein knapp vier Minuten langes Fernsehporträt zustande – vermutlich das erste einer deutschen Sendeanstalt.

Für mich war es ein Schlüsselerlebnis im Umgang mit schwedischen Würdenträgern. Der Herr Minister empfing mich in Trainingshose und Windjacke vor seinem Reihenhaus in der eher kleinbürgerlich wirkenden Siedlung Vällingby. Bevor ich meine Fragen stellen konnte, spielten wir erst einmal mit seinen Söhnen eine Runde Fußball.

Er war ein ungemein sportlicher Typ, ein vorzüglicher Tennisspieler. Unvergessen ist mir die Szene, als er im Herbst 1969 nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Schwedischen Arbeiterpartei mit zwei, drei schnellen Schritten im vollbesetzten Folkets Hus das Podium erstürmte und neben seinem Vorgänger Tage Erlander, dem großen alten Mann Schwedens, Platz nahm. Er wurde umjubelt wie ein Champion.

Es war jedoch den bedächtig auf ihren Lorbeeren ausruhenden Sozialisten keineswegs klar, was ihnen mit dem vergleichsweise jungen neuen Chef ins Haus stand. Viele der betagten Kämpfer aus der Arbeiterbewegung mochten ihm kaum zutrauen, das gesicherte Erbe der Gründungsväter geruhsam zu bewahren, vielleicht sogar noch zu mehren. Schließlich hatte die Partei mit Erlander ein Jahr vor Palmes Antritt als Parteiführer ihren größten Wahlerfolg seit Kriegsende verbuchen können.

Manchem verdienten Genossen war es nicht geheuer, daß dieser ungestüme Großbürgersohn den Zeitgeist bei den Hörnern packte und im betulichen Schweden die 68er-Generation in ihrer eigenen Sprache zur Sache zwang. Ich erinnere mich an seinen nächtlichen Auftritt in der Aula der alten Universität. Er verteidigte die von ihm selber eingeleitete Hochschulreform vor einer aufgeregten Studentenversammlung. Mit brillanter Rethorik gelang es ihm, den gefährlich zündelnden Protest auszumanövrieren.

Er liebte es, mit ausländischen Journalisten zu debattieren; sie lieferten ihm die gängigen Vorurteile über das „Schwedische Modell“. Immer wieder faszinierte uns an ihm, daß er ein Weltbürger im besten Sinne des Wortes war. Nicht ohne Schadenfreude haben wir beobachtet, wie er einen so abgebrühten Interview-Profi wie den Briten David Frost ins Leere laufen ließ. Seine schwedischen Widersacher auf der innenpolitischen Bühne hat er oft bis zur Sprachlosigkeit getrieben. Jahrelang saß er Seite an Seite mit seinem konservativen Rivalen Gösta Bohmann im Parlament – im Reichstag sind die Plätze nach Wahlkreisen und nicht nach Fraktionen geordnet –, und die gegenseitigen Frotzeleien der Banknachbarn füllten die Klatschspalten der großen Zeitungen.

Erfolge konnte er vollen Herzens auskosten, deutlich sichtbar für alle, die dabei waren. Vor den Parlamentswahlen 1968 veranstaltete der Schwedische Rundfunk eine telephonische Hörerbefragung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Erlander im Studio. Palme hockte neben ihm und schob ihm auf kleinen Spickzetteln Argumentationshilfen zu. Nach der Sendung hörte man Palmes ganz unschwedischen Freudenausbruch: „Potztausend – waren wir gut!“ Und sie waren es: Über 50 Prozent der Wähler gaben dem Gespann ihre Stimme.

Ich habe Olof Palme in den zehn Jahren, in denen ich in Stockholm stationiert war, viele Male getroffen, bei offiziellen Anlässen und in kleinem Kreis. Offen und wachsam hat er seinen Intellekt genutzt. Manche fanden ihn deshalb kühl und berechnend. Uns Journalisten war er ein aufmerksamer, anspruchsvoller Gesprächspartner, hilfsbereit zu jeder Zeit. Er saß nie, was ihm Amt und Würde ermöglicht hätten, auf hohem Roß. Da hat mancher von uns, der an anderer Stelle in Regierungskanzleien zum Antichambrieren gezwungen worden war, von ihm fürs Leben gelernt. Heinrich von Tiedemann