Von Manfred Sack

Mit jedem Schritt sieht man, daß nicht mehr ist, was einmal war: Krieg, Sprengbomben, Feuer, Trümmer – in ein paar Stunden war das enge Altstadtviertel, wo Frankfurt am Main zu existieren begann und seinen mittelalterlichen Glanz entfaltete, verschwunden. Stehengeblieben waren 1945 nur der Römer (das historische Rathaus), die kleine Nikolaikirche und, gegenüber, der Dom. Und niemals in der Erinnerung haben sich die Zeichen weltlicher Macht und kirchlicher Macht so direkt gegenübergestanden wie nach der Katastrophe.

Doch um zu korrigieren, was die Bomben in Augenblicken vernichtet hatten, brauchte Frankfurt siebenunddreißig Jahre, wie hektisch auch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder tobten: Hier, auf dem ältesten Terrain der Stadt, waren sich die Politiker wie die Experten jeder Art viele Jahre lang seltsam unschlüssig. Wie sollten sie auf dem Römerberg bauen? Sollten sie das Mittelalter mit seiner dumpfen, schattenreichen, stickigen, romantisch verklärten Enge neu beschwören? Sollten sie modern, also weitläufig bauen, hygienisch einwandfrei? Sollte man wieder ein enges Wohnviertel errichten, jetzt, da der Verkehr, die Dienstleistungsindustrie, die Bauspekulation auch diese Innenstadt fast unbewohnbar gemacht hatten, da die Umgebung inzwischen einen neuen Stadtgrundriß erhalten hatte? Oder etwas ganz anderes entwerfen, etwas, das die verödete Innenstadt (einschließlich ihrer historischen Reste) mit Passanten, also wieder mit städtischem Leben füllt?

Längst war der Stadtbaurat Werner Hebebrand aus der Stadt geekelt, seine Idee verworfen worden: auf dem alten Stadtgrundriß maßvoll modern die Altstadt wieder zu errichten, weniger eng, viel vernünftiger; längst war ja auch sein heftiger Widerspruch vergessen, Goethes Haus als Wiederholungsbau zu errichten. Wenigstens machte sich die Stadt am Römerberg ganz vorsichtig zu schaffen: Erst kamen das Rathaus und seine neuen Nachbarhäuser, dann zwei, von der "Ostzeile" später wieder beseitigte Häuser (der inzwischen rekonstruierten Häuserreihe) gegenüber, danach hier ein bißchen, da ein bißchen, das Steinerne Haus, das Leinwandhaus, schließlich gaben zwei große, schwerfällig gegliederte Neubauten den neuen Maßstab an, das Historische Museum und das Technische Rathaus mit seinen drei Turmbauten am Nordrand. Vom ersten Wettbewerb um ein Multi-Kulturzentrum auf der ganzen Fläche des Römerbergs blieben nur die Tiefgarage, der U-Bahnhof und die Beton-Stalagmiten, ein monumentales Stop-Eelfeld der Ratlosigkeit – bis der SPD-Oberbürgermeister Rudi Arndt beschließen ließ, die alte Ostzeile zu rekonstruieren, irgendwie mittelalterlichbiedermeierlich. Dieser Vorsatz stand nicht wirklich zur Diskussion, als Frankfurt endlich den letzten Kraftakt wagte, einen neuen Architektur-Wettbewerb für einen Gebäudekomplex, der den leicht ansteigenden "Platz" zwischen Römerberg (mit Römer und Ostzeile) und Dom mit kulturellen Aktivitäten belebe, eine schöne Hoffnung.

Über hundert Architekten hatten sich 1980 um diesen Bau beworben, berühmte waren hinzugeladen. In der ungewöhnlich prominent besetzten Jury waren alle Richtungen vertreten, so daß auch nicht andeutungsweise ein Präjudiz (oder ein heimlicher Gestaltungs-Wunsch der Stadtregierung) zu erkennen gewesen ist: der Mies-Apologet, der bayerische Barocke, der asketische Rationalist, der Expressionist, der Anti-Monumentalist sowie zwei Städtebauer von extrem gegensätzlicher Begabung. Wie groß war das Entzücken, als diese Versammlung widerstreitender Ansichten tatsächlich den einen Gewinner fand und ihn lauthals pries.

Die die Stadt repräsentierenden Juroren bestanden sogar darauf, die Einzigartigkeit des Entwurfs mit einem höheren als den vorgesehenen Geldpreis zu honorieren. Die Empfehlung aller Preisrichter, dieses Geschenk einer offenbar gnädigen Eingebung anzunehmen, also auch zu bauen, wurde sofort beherzigt. Die Architekten – Dietrich Bangert, Bernd Jansen, Stefan Scholz und Axel Schultes aus Berlin – können nun auf ihr Bauwerk zeigen: Es steht, und jetzt richtet nach den Fachleuten die Allgemeinheit darüber. Es wird sich niemand wundern, daß die alten Frankfurter die rekonstruierte bunte Gemütlichkeit der Ostzeile lieber haben als alles Modern-Modische darum herum, mehr vor allem als das neue Monument und seine steife Gebärdensprache.

Zwei Vorsätze streiten beim Projekt Römerberg unübersehbar miteinander. Der erste, vom Bauherrn Frankfurt immer wieder bekräftigte, war, dem berühmten, neben der geschäftigen City vor sich hin träumenden Platz durch Besucher, aber auch durch Bewohner zu städtischer Lebendigkeit zu verhelfen. Man glaubte von Anfang an, die Leute am ehesten mit hinlänglich populärer Kultur anlocken zu können; man wollte aber auch Bürger wieder hier ansiedeln, und zwar solche der oberen Mittelschicht, die sich Wohnungen, genauer: Stadthäuser an dieser zentralen Stelle leisten können.