Von Horst Rumpf

Die Leute der Theorie, der Praxis, der Verwaltung scheinen auf verschiedenen Planeten zu leben. Die Schule der Pädagogen und die Schule des Verwaltungsbeamten – haben sie beide sowenig miteinander gemein wie der Mond der Dichter mit dem Mond der Astronomie? Eine gemeinsame Sprache haben sie jedenfalls nicht.

Erlasse, Verfügungen, Richtlinien. „Eine neuere Drucksache, das sogenannte Normenbuch Deutsch‚ zeigt in wünschenswerter Deutlichkeit, wie man es anstellen muß, um ein harmloses Gedicht in einen technokratischen Knüppel zu verwandeln und damit, möglichst gezielt, auf junge Köpfe einzuschlagen. Der Titel der bemerkenswerten Schrift lautet: Beschlüsse der Kultusministerkonferenz. Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung: Deutsch.“

Hans Magnus Enzensberger war es, der diese Zeilen vor zehn Jahren grimmig verfaßte und seine eigenen Gedichte gegen die ihnen angedrohte Zerlegung in curriculare Lern- und Prüfungshürden hartnäckig verteidigte: „Bei allem gebotenen Brechreiz kann ich es mir nicht versagen, einige unter den Zielen und Absichten, welche die Verfasser verfolgen, mit ihren eigenen Worten anzuführen. Sie wollen vor allem regeln, ergänzen, wirksam beschleunigen, sicherstellen, vereinheitlichen, einpassen, überprüfen, einbeziehen und zuweisen.“ Enzensbergers Bissigkeit trifft sich mit der Kritik von Pädagogen an der „Verwalteten Schule“ seit mindestens 30 Jahren: „Ihr stranguliert mit euren immer korpulenter werdenden Erlassen das Eigenleben einer Schule – Lehrer schrumpfen zu Marionetten, Inhalte zu vorschriftsmäßig abzuwickelnden Pensen, Beziehungen zwischen Menschen erstarren zu Amtshandlungen.“

Ein alltägliches Beispiel, in dem Lehrer und Pädagogen häufig am gleichen Strang ziehen: Eltern legen Einspruch ein gegen die Nichtversetzung des Sohnes wegen eines Mangelhaft in einem Hauptfach. Der Lehrer hatte seine Benotung auf Ungenügend im Schriftlichen begründet, dem Schüler und den Eltern war aber bekannt, daß er die mündlichen Leistungen für noch befriedigend erachtete.

Die Schulaufsicht greift auf ihren Wunsch ein, überprüft die Akten, informiert sich, gibt nach, ändert die Note. Der Lehrer, tief betroffen, protestiert bei der Behörde, erhält Unterstützung von seinem Direktor, versteht glaubhaft zu machen, daß von seiner Seite eine reichlich erwogene pädagogische Entscheidung vorlag – kein Irrtum, keine ungesetzliche Willkürhandlung.

Besprechungen, Schriftwechsel, Telephonate: Die verschiedenen Regulative und Gesetze werden zitiert, interpretiert, viele Stunden Verwaltungsarbeit. Fazit: Die Schulaufsicht hat als Fachaufsichtsbehörde das Recht, die Notenentscheidung des Lehrers zu ändern. Freilich: Sie soll und darf das nur in sehr seltenen Ausnahmefällen tun. Es wird beteuert und begründet – glaubhaft auch das.