Vom ersten Donnerschlag des Orchesters, vom ersten Bild an steht der Rang dieser atemlosen Inszenierung fest. Die kleine, blaugoldene Schatulle des „New Theatre“, des klassizistischen „Neuen Theaters“ im Zentrum der walisischen Hauptstadt Cardiff, scheint zu bersten unter dem furiosen Temperament, mit dem Richard Armstrong das 90-Mann-Orchester der „Welsh National Opera“ und den verstärkten Chor musizieren läßt. Knappe zwei Stunden und 35 Minuten lang faucht aus dem Orchestergraben in dem kleinen Zwei-Ränge-Theater der glühende Atem von Verdis Musik zu Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Tod, für die Peter Stein schöne, beklemmende, unvergeßliche Bilder findet.

Länger als sonst gelegentlich während seiner Jahre an der Berliner Schaubühne hat Peter Stein nicht inszeniert: Mehr als zwei Jahre sind seit der letzten Arbeit für die Schaubühne vergangen (Tschechows „Drei Schwestern“ am 4. Februar 1984). Ehe der zur Zeit in Paris lebende Regisseur an die Schaubühne zurückkehrt (nicht wie geplant mit Goethes „Faust“, sondern mit O’Neills Tragödie aus dem Proletarier-Milieu „Der haarige Affe“, 1921), hat er nun das tragische Spätwerk des greisen Verdi inszeniert, „Otello – Lyrisches Drama in vier Akten“, das am 5. Februar 1887 zum ersten Mal in Mailand aufgeführt wurde.

Kein Debüt auf der Opern-Bühne, auch wenn Steins „Rheingold“ in Paris (Dezember 1977), zusammen mit Georg Solti, rasch wieder verschwunden ist Der kühne Plan, mit Wagners „Ring“ von den Schaubühnen-Antipoden Peter Stein und Klaus Michael Grüber das Publikum der Pariser Oper zu modernem Musiktheater hinzuführen, scheiterte schon nach Grübers „Walküre“, nicht zuletzt am Widerstand von Sänger(inne)n, die sich nicht aus der Opern-Routine zu neuen Formen des Ausdrucks bequemen wollten.

Solchen Mangel an Mitarbeit mußte Peter Stein bei dem Ensemble in der alten Industrie- und Hafen-Stadt an der Bristol Bay nicht fürchten. Die in den letzten Kriegsjahren geplante, seit 1946 existierende Nationaloper lebt noch heute nicht nur aus der sprichwörtlichen Sanges- (und Fabulier-) Lust, wie man sie im „Eisteddfod“, dem alljährlichen Dichter- und Sänger-Wettstreit der Waliser erleben kann, sondern vor allem aus der Fähigkeit zur Begeisterung und einer (auf dem Kontinent oft verlorengegangenen) Bereitschaft zu lernen, neue Erfahrungen zu machen.

Hier leisten keine Darstellungsbeamten mit Ruhestands-Ansprüchen Abenddienst; hier beweisen diszipliniert arbeitende Sänger-Darsteller, auch im Chor, in jedem Augenblick, daß die Oper eines dreiundsiebzigjährigen Komponisten in ihrer vulkanischen Leidenschaft so beängstigend ist wie vor hundert Jahren und in ihrer Tonsprache revolutionärer als manche Arbeit des jungen Verdi. Die stimmstarken Amateure, die vor vierzig Jahren die Gründung eines eigenen Opernhauses erzwungen haben, das noch heute neben dem allgemein verständlichen Namen „Welsh National Opera“ (WNO) stolz die gälische Bezeichnung „Cenedlaethol Cymru“ führt, sind längst durch Profis ersetzt. Doch voll Glück merkt der Besucher, daß Gesangs- und Darstellungs-Kunst des Ensembles noch immer von ursprünglicher Kraft sind. Zu hören, zu sehen ist, daß den Walisern, die zuletzt in Berlin, Leipzig, Wiesbaden und Frankfurt gar stiert haben, durch die Zusammenarbeit mit Harry Kupfer, Joachim Herz, Ruth Berghaus und Rudolf Noelte Arbeitsweise und Technik des modernen Musiktheaters vertraut sind.

Das Kammerspiel als Chor-Oper

Eine Eigenart des Regisseurs Peter Stein ist, daß er seine Inszenierungen oft in einem langsamen, stummen Vorspiel, in ein Bild konzentriert, wie in einer Abkürzung oder Chiffre vorstellen kann. Das geht bei diesem mit der Opera-Konvention des 19. Jahrhunderts brechenden Musikdrama nicht: In sein dramatischstes, sein tragischstes Werk stürzt Verdi sich ohne Ouvertüre. Mit den von Pauken, Trommeln, Tamtam, Orgel und dem ganzen Riesenorchester erzeugten Donnerschlägen bricht ein Gewittersturm los. Das Seewetter tobt vor der Insel Zypern, auf der Otello, Oberbefehlshaber der venezianischen Besatzungsmacht, mit seiner jungen Frau Desdemona erwartet wird.