Von Helmut Schödel

Im Zimmer einer Altbauwohnung, in das durch ein großes Fenster nur wenig Licht fällt, kniet ein alter Mann auf dem Boden. An den Wänden haben Bilder schwarze Ränder hinterlassen. Alte Zeitungen türmen sich zu einem Haufen. Neben dem Altpapier steht das Bett. Der elektrische Heizlüfter ist winzig für diesen großen Raum. Neben der Flügeltür nagelt der alte Mann eine Holzleiste am Boden fest: "Wenn mich jemand sieht hier / in dieser Pose", jammert der Alte. Die Brille baumelt ihm an einer Kette vom Hals. Er ächzt und schwingt den Hammer.

Der Alte schaut sich um: "Mäuse, wer hätte das gedacht." Es ist dieser heisere, kraftlose, sonderbare Greisenton, in dem er spricht. Das könnte der 82jährige Sohn von Nagg und Neil sein, aufgewachsen in den "Endspiel"-Tonnen. Seine Vorliebe für Grießbrei: eine Antwort auf den Bananenfanatismus des alten Krapp in Becketts "Letztem Band".

Der Alte ist inzwischen mitten in seinem Hammersolo, fuchtelt herum, macht aus seiner Kraftlosigkeit ein Schauspiel: "Das Wort Kapitulation / nie ausgesprochen / nie aufgegeben / Auf in den Kampf." Er stöhnt, aber seine Augen leuchten. Noch am Boden spielt der Alte schon den Charmeur.

Haben wir das nicht alles schon einmal gesehen, beschrieben, bewundert, was sich jetzt in Thomas Bernhards neuem Stück "Einfach kompliziert" im Berliner Schiller-Theater wiederholt? Kann uns dieser heisere, kraftlose Greisenton, mit dem Bernhard Minetti den Abend beginnt, tatsächlich noch irritieren? Schon Bernhards "Weltverbesserer" litt unter den Mäusen in seinem Haus. "Mir ist wieder eine Maus / über das Gesicht gelaufen in der Nacht / Man muß mehr Fallen aufstellen / kein Gift." Die Sache hat sich inzwischen umgekehrt entwickelt: "Ich fange die Mäuse nicht mehr / ich vergifte sie", erklärt der alte Schauspieler, Hauptperson in "Einfach kompliziert". "Nicht nachlassen mein Kind / nicht nachlassen." Schon in "Minetti" redete der Schauspieler gegen die Kapitulation an. Zuletzt suchte Minetti dort, wo er jetzt hämmert, eine Nagelfeile. Schon in "Der Schein trügt" kroch er über den Bühnenboden, damals in Bochum.

Womit bewiesen wäre, daß diese Uraufführung gar keine war. Buchhaltung ist ja so einfach: Dieses neue Stück ist kein Entwurf wie "Minetti", nicht so komisch wie "Die Macht der Gewohnheit", nicht so monumental wie "Der Weltverbesserer". Wir verbringen einfach einen Tag bei einem alten Schauspieler in seinem ungemütlichen Zimmer, das er nicht mehr verläßt. Ein schwaches Stück also, ohne ein großes Thema. Sollte das so einfach sein? In Wahrheit ist es kompliziert.

Dieses Stück ist wieder ein Regiebuch. An seinem Schreibtisch in Ohlsdorf inszeniert Thomas Bernhard den Schauspieler Minetti. Wieder zitiert er durch ihn jenen verschrobenen alten Künstler herbei, den er in Gestalt eines alten Schauspielers, eines alten Artisten, eines alten Philosophen schon seit Jahren durch unsere Theater geistern läßt.