Stockholm, im März

Die alte Dame im Pelzmantel schüttelt nur den Kopf. Mit stumpfem Blick steht sie da, wischt sich immer wieder verschämt mit dem Handschuh die Tränen aus den Augen. Sie verharrt etwas abseits der drängelnden Menschenmasse, als wollte sie instinktiv Abstand zu dem Ort der Bluttat halten. Einen letzten Gruß an Olof Palme hat sie mitgebracht, eine rote Rose. Sie reicht sie wortlos einem der Umstehenden. Über die Köpfe der Menge geben ein Dutzend Hände die Blume weiter, dann wirft sie jemand über das Absperrgitter – zu den Tausenden anderen.

Ein Teppich von Rosen, Nelken, Tulpen bedeckt die von der Polizei eingezäunte Stelle an der Straßenecke Sveavägen-Tunnelgatan. Gnädig verdecken die Blumen die Blutlache, in der Palme in der letzten Freitagnacht durch Mörderhand starb. Windlichter brennen Tag und Nacht, entzündet von den verstörten Bürgern, die unablässig an diesen Ort der Beklemmung pilgern. „Warum mordest du so einen wahren Demokraten?“ hält ein handgeschriebenes Plakat hilflose Zwiesprache mit dem unbekannten Täter. „Nuestra paloma de la paz se murio. Tu nuestro corazón“ klagt eine andere Papptafel. Flüchtlinge aus Chile, Nicaragua, Uganda, Afghanistan haben Trauergrüße an Häuserwände geklebt: Gedichte, Solidaritätsbezeugungen und immer wieder den schlichten Nachruf „Tack Olof“ – Danke, Olof. Wann man die Staatstrauer ausrufe, hat ein italienischer Journalist am Sonntag noch gefragt. „Ist das denn noch nötig?“ entgegnete ihm der Pressesprecher des Außenministeriums. „Diesem Volk muß man die Trauer nicht befehlen.“ In Stockholm läuteten am Samstagmorgen eine Viertelstunde lang alle Kirchenglocken; im ganzen Land gab es spontane Trauerkundgebungen; Tag für Tag stellen sich Hunderte Menschen trotz der Kälte geduldig vor der Regierungskanzlei an, um sich in das Kondolenzbuch für den ermordeten Premierminister einzutragen.

Schweden ist tief getroffen in diesen Tagen. „Warum, warum dieser Mord?“ fragen sich die Menschen eines Landes, das sich mit berechtigtem Stolz als eine friedliche Oase in der Welt wähnte. Und wer sollte ein Interesse daran gehabt haben, gerade Olof Palme, den Fürsprecher der Verständigung und der Gewaltlosigkeit, heimtückisch zu töten?

Offensichtlich ratlos ist auch immer noch die schwedische Polizei. „Dies ist ein äußerst komplizierter Fall“, kann Hans Helmer, der Chef des Sonderkommandos, das die Bluttat aufklären soll, nur immer wiederholen. Auf Spekulationen, ob Palme einem Terroristenanschlag oder einem irren Einzeltäter zum Opfer fiel, mag er sich nicht einlassen: die wenigen Zeugenaussagen sind zu dürftig, es gibt keine Spur des Mörders.

Einigermaßen klar ist der Polizei nur der Ablauf jenes verhängnisvollen Freitags. Bereits am späten Vormittag hatte Palme die Sicherheitspolizei gebeten, seine beiden Leibwächter abzuziehen: er sei tagsüber im Amt und abends zu Hause. Nichts Außergewöhnliches, denn Bodyguards mochte er ohnehin nur bei offiziellen Auftritten um sich haben, als Privatmann wollte er sich aber frei bewegen können. Dem Premier auf dem kurzen Fußweg von der Regierungskanzlei zu seiner Wohnung in der Altstadtgasse Västerlänggatan 31 zu begegnen, war für Stockholmer Bürger ein gewohntes Bild.

Üblicherweise war die Sicherheitspolizei aber informiert, wo sich Palme auch als normaler Bürger aufhielt. Nicht so an diesem Freitag: spontan entschloß er sich abends, zusammen mit seiner Frau Lisbet ins Kino zu gehen – zur Premiere von „Bröderna Mozart“ (Die Gebrüder Mozart), einer ernsthaften Komödie der schwedischen Regisseuse Suzanne Osten. Um 20.40 Uhr fuhren die beiden mit der U-Bahn die vier Stationen von der Altstadt in die City. Mit ihnen fuhr der Mörder, wie die Polizei vermutet.