Der Bürgermeister von Nablus im israelisch besetzten Westjordanland erlag den Schüssen eines Attentäters. Seine Beisetzung wurde zur Massendemonstration des palästinensischen Nationalismus.

Trauer um Safer al-Masri bekundeten Israelis und Jordanier, die Bürger von Nablus und die PLO-Führung. Eine Annäherung der Vertragsparteien einer möglichen Friedenslösung ist nach dem Mord an dem Bürgermeister noch unwahrscheinlicher geworden als zuvor.

Gerade zehn Wochen amtierte der 43jährige Geschäftsmann im Rathaus der größten Stadt des Westjordanlands. Die israelischen Besatzer hatten mit der Ernennung des Präsidenten der örtlichen Handelskammer zum Bürgermeister gleich zwei Zeichen gesetzt: Zum einen beendete die Regierung Peres eine Periode absoluter Fremdherrschaft über das besetzte Gebiet; zum anderen hatte sie mit Masri einen Palästinenser gefördert, der König Hussein genehm, für Jassir Arafat akzeptabel und bei seinen Mitbürgern beliebt war.

Zur palästinensischen Großbürgerfamilie al-Masri gehört auch König Husseins Außenminister; ein Halbbruder des Ermordeten ist Vizepräsident des Parlaments in Amman. Safer al-Masri bekundete trotz dieser Familienverbindung der PLO-Führung ebensolche Loyalität wie der Regierung in Amman. Nur kommunalen Aufgaben wollte er sich in seinem Amt widmen, die politische Führung der Palästinenser – so betonte er nach seiner Einsetzung – stehe ihm nicht zu. Im Interesse seiner Mitbürger suchte er trotzdem die Zusammenarbeit mit den Israelis in allen Fragen des kommunalen Alltags.

Wie in Nablus will die israelische Regierung auch in anderen palästinensischen Städten einheimische Geschäftsleute oder Politiker zu Bürgermeistern ernennen – ein kleiner Schritt zur Autonomie des besetzten Gebiets, nachdem Israel 1982 jene Bürgermeister aus den Rathäusern verwiesen hatte, die der PLO nahestanden. Ein Mann wie Masri hätte darüber hinaus eine bedeutende Rolle als Sprecher seiner Landsleute in einer palästinensischjordanischen Friedensdelegation spielen können.

Gerade darum wurde der Bürgermeister auf dem Weg zu seinem Amtssitz erschossen. Gleich zwei Palästinenser-Gruppen, die beide jeden Kompromiß mit Israel ablehnen, rühmen sich der Mordtat: die prosyrische Volksfront zur Befreiung Palästinas und die berüchtigte Terroristengruppe des Abu Nidal.

Die Beisetzung Masris wurde zur Demonstration des Zorns der Palästinenser auf alle ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Feinde. Mehr als 15 000 Trauernde folgten dem Sarg des Ermordeten durch die Straßen der 64 000-Einwohner-Stadt Nablus; die israelischen Besatzer ließen den Demonstrationszug gewähren, und schritten entgegen sonstigem Gebrauchnicht gegen die Träger palästinensischer Fahnen ein. Die Trauernden sangen das PLO-Kampflied „Mein Land, mein Land, wir kehren zurück“, gelobten dem Ermordeten die Fortsetzung seines Kampfes; sie schmähten aber auch lautstark die Autonomie von Israels Gnaden und den syrischen Präsidenten Assad („Du Löwe im Libanon, du Kaninchen auf dem Golan“) wie den jordanischen König Hussein, der im Februar mit Jassir Arafat gebrochen hat („Hussein, du Schwein“).

In einem Flüchtlingslager bei Nablus starb am selben Tag unter israelischen Gewehrkugeln ein junger Palästinenser, der dort bei einer Trauerkundgebung für Masri Steine auf israelische Soldaten geworfen hatte. Eine neue Welle der Gewalt ist jetzt möglich und bedroht die vorsichtige Autonomiepolitik, an der Jerusalem trotz des Attentats von Nablus festhalten will. Hans Jakob Ginsburg