Von Erich Maletzke

Lübeck

Weil das Fernsehen dabei war, fiel die Kontrolle am Grenzübergang Schlutup ungewöhnlich gründlich aus: „Na, was bringen wir denn heute?“ erkundigte sich leutselig ein Zollbeamter, und lüftete ein wenig die Plane des vollbeladenen Lastwagens. Und wie ein Küchenchef, der Auskunft über das Tagesmenü gibt, teilte der Fahrer mit, daß er ölverseuchten Boden, vermischt mit Putzlappen, geladen habe. „Na, dann gute Fahrt“, wünschte der Kontrolleur.

Jenseits des Niemandslandes, in Selmsdorf, wo links neben den Abfertigungsstellen für Busse und Pkw eine besondere Spur für den deutsch-deutschen Müllverkehr eingerichtet ist, dauert die zweite Überprüfung auch nur höchstens eine Minute. Denn Zeit ist Geld, und der nächste Transporter ist auch schon in Sicht. 150 sind es am Tag, manchmal auch etwas mehr, und woraus die stinkende Fracht nun wirklich besteht, könnte auch bei mehr Gründlichkeit weder ein Vopo noch ein Beamter des Bundesgrenzschutzes erkennen.

Was genau auf Europas größter Müllkippe in Schönberg, sechs Kilometer hinter der Marzipanstadt Lübeck, landet, wissen allein die Verursacher, die nur das Allernotwendigste verraten. Soviel allerdings ist bekannt: In der gewaltigen Müllmenge von 900 000 Tonnen, die allein im vergangenen Jahr nach Schönberg transportiert wurde, befindet sich so ziemlich alles, was in der etwa 700 Einzelposten zählenden Hierarchie des Sondermülls Rang und Namen hat.

Da gibt es die zwar harmlos klingende, aber hochgiftige Müllflugasche aus Müllverbrennungsanlagen und den mit Schwermetallen angereicherten Hafenschlamm aus Hamburg, die Produktionsrückstände des Chemiegiganten Hoechst gesellen sich zu besonders brisanten Quecksilbersalzen aus Mailand; hinzu kommen ganz normaler Hausmüll sowie mit Öl oder Lösungsmitteln verseuchter Boden vom Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofes Kornwestheim. Mit Ausnahme von Bayern und Rheinland-Pfalz entsorgen alle Bundesländer durch den „Darmausgang der Nation“ nach Schönberg, und was die Italiener, Österreicher und Niederländer beisteuern, gilt als besonderes Geheimnis.

So ungewöhnlich wie der Müllexport ist auch seine Abwicklung über das im Lübecker Vorort Bad Schwartau ansässige Hanseatische Baustoffkontor, dem das pro Jahr etwa 5 Millionen Mark Gewinn abwerfende Geschäft durch Zufall in den Schoß gefallen ist. Ursprünglich wollte die finanziell daniederliegende Baustoffhandlung im Bereich Schönberg nur günstig Kies abbauen. Statt des erhofften Baumaterials stieß man jedoch auf Lehmboden, und das Geschäft schien beendet, noch ehe es begonnen hatte. Welche Seite schließlich auf die Idee mit dem Müll kam, läßt sich zwar nicht mehr klären; sicher ist nur, daß der deutsch-deutsche Abfallpakt für beide Vertragspartner aus der ursprünglich geplanten Kiesgrube eine Goldgrube gemacht hat.