Die Hamburger opera stabile, Ableger und Labor der Staatsopernbühne, wurde mit der Uraufführung von Udo Zimmermanns „Weiße Rose“-Szenen endlich einmal wieder dem Zweck zugeführt, für den sie vor Jahren eingerichtet worden war: für die Erprobung neuer Formen des Musiktheaters.

Nun hat Udo Zimmermann, Dresdner des Jahrgangs 1943, seit der Uraufführung seiner Oper „Die wundersame Schusterfrau“ 1982 an der Hamburgischen Staatsoper ein auch in der Bundesrepublik respektierter Komponist, mit seinen Reflexionen über den Widerstand der mangelnden hanseatischen Lust am Experiment auf die Sprünge geholfen. Er hat der bedenklich beliebigen Existenz der Staatsopern-Werkstatt eine Partitur verschrieben, die exakt die Richtung anzeigt, die die Erfinder der opera stabile einst im Auge hatten.

Ort der Handlung: das Gefängnis München-Stadelheim. Nicht oft werden Bühnenbauer ein Interieur zur Verfügung haben, das dem, der „Musiktheater“, gar „Oper“ erwartet, derart gründlich die Illusion vertreibt und Text und Musik auf die nackten Tatsachen verweist. Unter schwarzer Decke, die die Suggestion von Fleischerhaken und Henkerstricken gleich mitliefert, grellweiße Mauern, gekachelter Fußboden. Wir sind im Vorzimmer des Todes.

Endstation: „Die ihr hier eingeht, lasset alle Hoffnung fahren.“ Beklemmend, trostlos die Spielfläche, die unmittelbar an die erste Sitzreihe, des rohen, steil ansteigenden, sie umringenden Publikumspodestes stößt (Entwurf: Waltraut Engelberg).

Zeit: in der Stunde vor der Hinrichtung am 23. Februar 1943. Das Stück konzentriert Aktion und Scheitern der „Weißen Rose“ auf zwei der Protagonisten, auf Hans und Sophie Scholl. Beide warten auf die Vollstreckung des Urteils, denken nach und reden vor sich hin. Beide wissen, was sie erwartet. Jeder durchlebt noch einmal seine Vergangenheit, geht seinen letzten Gang einsam. Auch die Gedanken der beiden, ihre Träume, Ängste, Sehnsüchte sind fast ausnahmslos Monologe: hilflose Schreie, Meditationen, Bekenntnisse. Wie in Trance erleben sie die letzten Augenblicke ihres Lebens.

Erst in ihren letzten Sätzen bricht sich die Botschaft Bahn, die politische Erkenntnis, Quintessenz dessen, wofür sie angetreten: „Sagt nicht, es ist fürs Vaterland.“ Und ihre Schlußworte klingen, nach all den fiebrigen Reminiszenzen, „ruhig, aber bestimmt“, „mit größter Fassung“. Schon jenseits des inneren Kampfes fragen beide nach dem Modus des Vollzugs: „Habe ich als Soldat das Recht auf den Erschießungstod und „Sterbe ich durch den Strick oder durch das Fallbeil?“ Sie wissen: ihre Zeit ist um – sie hoffen: ihre Zeit wird kommen.

Udo Zimmermanns „Weiße Rose“-Partitur ist schon das zweite Resultat einer intensiven Beschäftigung mit dem Widerstand gegen Terror und Gewaltherrschaft. 1967 wurde die erste Fassung seiner Oper „Weiße Rose“ in Dresden uraufgeführt, mit diesem zweiten Versuch in keinem Takt identisch. Nach dem Reifeprozeß bedient sich der Komponist zwanzig Jahre später aller Techniken, die er inzwischen kennengelernt und verarbeitet hat. Er verwendet sie, Emotionen scharf gegeneinander abzugrenzen, in souverän behandelter Kontrapunktik.