Zu einem friedlichen Generalstreik von 24 Stunden gegen das britisch-irische Nordirland-Abkommen hatten die protestantischen Politiker in Belfast aufgerufen. Nordirland erlebte ein neues Schauspiel der Gewalt: Die Führer der Protestanten scheinen die Kontrolle über ihre Anhänger zu vertieren.

Eine Fabrik brannte nieder, Steine, Knüppel und Molotow-Cocktails flogen gegen Polizisten. Maskierte Männer in Tarnanzügen, brennende Autos, aufgeschlitzte Reifen, unpassierbare Straßensperren und randalierende Gruppen protestantischer Jugendlicher – dieses Bild des 24stündigen Generalstreiks wird sich einprägen. Die protestantischen Spitzenpolitiker atten versprochen, der Proteststreik gegen das anglo-irische Abkommen vom letzten November werde friedlich und „würdevoll“ verlaufen. Daraus ist nichts geworden; jetzt spricht viel dafür, daß die Initiative von den wortgewaltigen Politikern auf die zur Tat drängenden Aktivisten aller Schattierungen übergegangen ist.

Hand in Hand planten und überwachten paramilitärische Verbände, Arbeiterräte aus den Belfaster Werften und Clubs gleichgesinnter Protestanten auf dem Lande den Streik. Die etablierte politische Klasse hat die Kontrolle über die Straße verloren; einige ihrer Vertreter distanzieren sich jetzt von den Ausschreitungen, die auch das Produkt ihrer eigenen rebellischen Rhetorik gegen die enge Zusammenarbeit zwischen London und Dublin sind.

Erneut hat der in Nordirland aufgestaute Haß einen sachbezogenen Protest gegen die britische Nordirland-Politik in einen Vergeltungsangriff gegen Teile der katholischen Minderheit verwandelt. Zwar randalierten in Belfast die Horden protestantischer Jugendlicher in ihren eigenen Vierteln; doch in den Landstädten entlang der protestantisch dominierten Ostküste Nordirlands lebt die katholische Minderheit in ungeschützten Enklaven. In einem Dorf in der Grafschaft Antrim verschanzten sich die Angehörigen beider Gemeinschaften bis tief in die Nacht an den entgegengesetzten Enden des Dorfes; nur die Polizei in der Mitte verhinderte eine Schlägerei.

Zwar vermochte die Polizei die bedrohten Katholiken durchweg zu beschützen, doch irisch-nationalistische Politiker klagten nach dem Streik, die Ordnungshüter hätten den Straßensperren und der Einschüchterung Arbeitswilliger tatenlos zugesehen. Die Chance, sich einen Ruf als unparteiische Kraft zu erwerben, habe die Polizei damit erneut vertan. Tatsächlich stehen die zumeist protestantischen Polizisten unter massivem Druck widerstreitender Loyalitäten, sobald sie gegen Exzesse ihrer Glaubensbrüder vorgehen müssen.

Eines hat der Generalstreik deutlich bewiesen: Die Protestanten sind in der Lage, ihre Gefolgschaft jederzeit auf die Straße zu bringen. Sie können das öffentliche Leben weitgehend lahmlegen, wenigstens solange die radikalen Beschäftigten der Elektrizitätswerke auf ihrer Seite stehen. Beim letzten großen politischen Streik 1974 stürzte die damalige nordirische Regierung. Diesmal verloren nur die lokalen Politiker das Gesicht.

Die längerfristigen Folgen der entfesselten Gewalt werden sich erst zeigen: Unter den britischen Politikern, aber auch beim britischen Steuerzahler, der die nordirische Wohlfahrt finanziert, haben die nordirisch-protestantischen Unionisten am letzten Montag viele Freunde verloren. Die Entschlossenheit in London und Dublin, auf den eingeschlagenen Weg der Verständigung zu bleiben, ist eher noch gewachsen, während der militante Ivan Paisley, dessen Autorität erstmals angekratzt ist, weiterhin vom „Kampf bis zum Tod“ spricht.

Martin Alioth (Dublin)