Patrick Russels Stern strahlt über Les Ares

Von Dorothea Hilgenberg

Orte zum Träumen sind das nicht. Wer von Genf kommend nach vierstündiger Auffahrt dem schnaufenden Bus entstiegen ist, ahnt bereits, daß er alpenländische Beschaulichkeit, Kirchturmspitzen, Gasthäuser und den Stallgeruch der Bergdörfer hinter sich gelassen hat.

Auf unseren besessenen Skifahrer – und besessen sollte er schon sein – wartet die Station: „La Station“, auf dem Reißbrett entworfen, aus dem Nichts entstanden, hangauf, hangab aus dem gleichen Holz. Geschaffen für die Unentwegten, die sich frühmorgens aus dem Bett ins dichte Netz der Lifte und Seilbahnen fallen lassen und erst bei Sonnenuntergang, nach einem langen Tag schwungvoller Fersen- und Hüftarbeit, wieder zurückkommen.

In Les Ares, mit sechzehn Jahren die zweitjüngsten Stationen Savoyens und gleich dreimal vertreten (Arc 1600, Arc 1800 und Arc 2000), finden die Skifahrer keine Ruhe. Die Franzosen sind stolz darauf, daß auch an dieser Stelle ihr „plan de neige“, den sie sich in den sechziger Jahren als Entwicklungshilfe für diese Region ausgedacht haben, wieder einmal aufgegangen ist. Ihm verdanken Val d’Isère, Courchevel, Méribel ihren Aufschwung, La Plagne und Tignes ihre in Stein gehauene Existenz ... und eine bunte Schar unbekümmerter Franzosen ihr einträgliches Auskommen. Seit die Tourarc, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Paris, die drei Ares aus jenem Boden der französischen Alpen stampfte, der sich die Hohe Tarentaise nennt, hat man 3000 Leuten Lohn und Arbeit gegeben. Ingenieure sind darunter, Bauarbeiter, Hotelfachleute, Skilehrer, Kaufleute ... Maßarbeit war das, kein noch so blühendes Skinest unter den schnuckeligen Dörfern Helvetiens, das eine ähnliche Bilanz vorzuweisen hätte.

Wie Adlerhorste thronen sie über dem Rest der Welt, für Goldgräber wie geschaffen. Robert Blanc, der vielfach zu Ehren gekommene Entdecker Les Ares, öffnete seine Arme den Pionieren. So konnte auch jenes Slalomwunder wieder mit sich ins reine kommen, dem einst ein schmerzhafter Beinbruch und sein ehemaliger Team-Chef böse mitgespielt hatten: Patrick Rüssel – in Chamonix geboren, im nahen Courchevel aufgewachsen, in der französischen Aipin-Mannschaft der Herren groß geworden und dann von dort verstoßen – ist vor zwölf Jahren nach Arc 1800 heraufgezogen und fühlt sich seitdem wohl, pudelwohl, wie er versichert. Auch heimisch? So heimisch, wie man sich in einer von makelloser Bergschönheit umrahmten Kunstwelt nun einmal fühlen kann.

Der Stern von Rüssel ging am Ende der Ära Jean Killys auf und leuchtete zwei Winter lang, kurz, dafür aber um so heftiger. Es war die Zeit des Gustav Thöni und unseres sehr soliden, aber nie ganz zum Firmament aufgestiegenen Christian Neureuther.