Von Harald Klöcker

Der Traum des Badegastes mißt neun Kilometer, hat rund ums Jahr viel Sonne, hat viel Sand und den Atlantik davor, hat Muscheln zur Linken und Palmen zur Rechten.

Gewiß, manchmal fährt dem Urlauber der Wind zwischen die Zeitungsblätter. Da schwimmt er dann eben für eine Weile in den Atlantik hinaus, weiß sich vom Golfstrom umspült. Worüber könnte er klagen? Na ja, das Leitungswasser schmeckt fad, die Mückenstiche sind lästig, und noch schlimmer ist der Sonnenbrand. Aber wer aus einem verregneten Frühjahr, aus dem Lärm der großen Städte in einen Sommer im Mai kommt und an einen Strand wie aus Kindheitstagen, der klagt nicht.

Auf manchen Karten ist die Insel nicht einmal verzeichnet, diese 41 Quadratkilometer Portugal im Atlantik – Porto Santo. Von fruchtbringendem Regen wird das Eiland kaum bedacht, Pflanzenpracht ist ihm nicht gegeben, dafür ist der Strand da, weit und rein, wie ihn ringsherum kein anderer hat, Madeira nicht, die Azoren nicht.

Aber was fängt man hier an? Wir fahren landeinwärts über die Hügel, zum Pico de Ana Ferreira, an Weingärten und Weizenfeldern entlang, sehen Rebstöcke, die sich im Sand winden, weiße Ziegen, kaum Häuser, spärliches Grün, dort ein Feigenbaum, da eine Palme. Das Gras ist fahl, die Wiesen haben die Farben afrikanischer Trockensavannen, und braun ist das Ödland vulkanischen Ursprungs. Zwei, drei Stunden geht es durch Vulkanstaub und Stille, dann stehen wir schließlich auf einem Plateau, sehen die Möwen im Wind kreisen und unter uns tosende Brecher, die sprühende Gischt, die zerhöhlte Steilküste, die allerorts zugerichtet ist vom atlantischen Wetter. Hier, wo Porto Santo jäh zu Ende ist, wo einzig die Vögel heimisch sind und der Mensch den Zugang zum Meer nicht findet, sitzen wir eine Weile – und wollen am Ende doch lieber zurück zur sandigen Südküste.

Also umkehren. Immerzu haben wir das ganze Inselland vor Augen: Berge im Westen wie im Osten, dazwischen die weite Ebene, der Flugplatz, Windmühlen und die Ortschaft Vila Baleira in der Ferne. In Vila Baleira war auch Kolumbus zu Gast, um 1478, ermittelten die Historiker. Er heiratete Dona Filipa Moniz, die Tochter des Inselgouverneurs Bartolomeu Perestrelo, und lebte eine Weile in einem Haus, das noch heute zu besichtigen ist. Auch sein Sohn Diego wohnte hier. Kolumbus soll auch später noch das eine oder andere Mal vor und nach seinen beschwerlichen Schiffsreisen auf Porto Santo zu Gast gewesen sein. Schätzte schon er den Rosado, den terpentinfarbenen Blanco oder den Tinto mit dem einprägsamen Geschmack des schwefligen Bodens?

Auf dem Platz vor der Kirche Nossa Senhora da Piedade sitzen tagaus, tagein die Alten auf Bänken, stehen die Jugendlichen nach der Schule beieinander, warten die Taxifahrer auf Kundschaft. Dann und wann schlendert ein Badegast vorüber. Im Café Baiana trinken wir einen Aguardente und kommen mit einem Taxifahrer ins Gespräch, der sechs Jahre in Australien gearbeitet und beharrlich auf seinen Mercedes und das eigene Haus in Vila Baleira gespart hat: Was kann denn Porto Santo der Jugend bieten? Zu wenig Arbeitsplätze. Zu wenig Wohnungen. Und wer jung ist, weiß doch heute schon, daß er kaum eine Chance hat, zu bleiben. Die Preise steigen, die Erträge der Inselbauern und der Fischer sind kärglich.