Von Johannes von Dohnanyi

Was heißt denn hier illegal", fragt Giacomo, der Straßenhändler, völlig fassungslos. "Bei mir wetten alle. Auch Polizisten. Alles garantiert und ohne Risiko."

Giacomo baut seine "bancarella", den Stand mit den angeblich taufrischen Meeresfrüchten jeden Morgen direkt vor meinem Hotel auf. "Mit Seeblick", wie er spöttisch sagt: "Da muß ich das Elend hinter mir nicht sehen."

Das Elend – das ist die "Kalza". Eines der ärmsten und gefährlichsten Viertel von Palermo. In die "Kalza" wagt sich auch die schwer bewaffnete Polizei nur in Vierergruppen und nie nach Sonnenuntergang. Wer Kontakte in dieses Dickicht enger Gassen und halb verfallener Häuser hat, der hat die Hand am Puls der Mafia. Und Giacomo hat aus seiner Position des Pulsfühlers ein einträgliches Nebengeschäft gemacht. "Du mußt Dich nur für eine Seite und die Quote entscheiden: Wer gewinnt beim großen Prozeß. Der Staat oder die Mafia? Wenn Du gewinnst, kann ich Dir das Geld auch in Rom auszahlen lassen."

Der graue Betonbunker mit den grün gestrichenen Stahlstreben ist die Arena, in der beide Seiten gegeneinander angetreten sind. Zwar hat das Gericht von Anfang an betont, sich bei der Rechtsprechung über 474 der gefährlichsten Mitglieder der "Ehrenwerten Gesellschaft" streng an die Spielregeln halten zu wollen. Aber die Mafia hat bisher nicht erkennen lassen, daß sie sich ihrerseits an den Grundsätzen des Fairplay zu orientieren gedenkt. Dies wird schon am dritten Verhandlungstag deutlich.

Die Verteidigung der Nebenkläger wird aufgerufen – da bricht in einem der im Halbkreis angeordneten Käfige ein Angeklagter zusammen. Wild zuckend wird er aus dem Saal getragen und unter den Mafiosi macht sich Unruhe breit: "Die wollen uns alle vergiften." Neu zumindest wäre das nur insofern, als die "Ehrenwerte Gesellschaft" in der Vergangenheit ihre Mitglieder im Gefängnis und nicht im Gerichtssaal mit Strychnin zum Schweigen brachte. Es ist diesmal nur ein epileptischer Anfall. Aber die Sitzung wird unterbrochen. Von diesem Moment an treffen Epilepsiekrisen auch kerngesunde Mafiosi immer dann, wenn die Verhandlung an einem kritischen Punkt anlangt.

Auch mit den Geschworenen steht es nicht zum besten. Einer von ihnen stellt am Eröffnungstag des Prozesses erstaunt fest, daß seine Tochter unter den Nebenklägern sitzt. Der Befangenheitsantrag der Verteidigung ist noch nicht zu Ende formuliert – da ist der Geschworene auch schon abgelöst. Zwei seiner Kollegen werfen "aus gesundheitlichen Gründen" in den folgenden Tagen das Handtuch. Es ist, sagt eine Beobachterin, "wie bei den zehn kleinen Negerlein". Und je offensichtlicher die Verschleppungsmanöver der "Ehrenwerten Gesellschaft" Erfolg haben, desto besser laufen die Wetten von Giacomo.