Es gibt keinen "türkischen Traum" und keinen chinesischen – sehr wohl aber den "amerikanischen Traum"

Nach der Ankunft im internationalen Empfangsgebäude des New Yorker Kennedy-Flughafens läuft die Prozedur ab wie gewohnt: die amerikanischen Heimkehrer flitzen durch die Paßkontrolle, während das Heer der Ausländer, auch das, der in den USA ansässigen, in einer zähflüssigen Schlange nach dem Einlaßstempel drängt. Ellis-Island-Methoden im Zeitalter der Jumbojets.

Als der Beamte die vor 19 Jahren ausgestellte Aufenthaltsgenehmigung in meinem deutschen Paß entdeckt, überkommt es ihn: "Wie bitte, Sie sind noch immer keine amerikanische Staatsbürgerin geworden?"

Für ihn, wie für die meisten Amerikaner, ist es schwer zu fassen, wenn nicht gar beleidigend, daß ein Ausländer nicht Amerikaner werden will. Denn ob mexikanischer Bauer, deutscher Mathematiker, chinesischer Händler oder israelischer Armeereservist, sie alle versuchen, oft illegal, Jahr für Jahr, den Sprung ins Traumland USA. Wenn es auch schierer Hunger ist, der besonders heute Millionen armer Nachbarn in ihr Land treibt, so sucht der Durchschnittsamerikaner die Motivation eher bei gewöhnlichen Einwanderern in der Sehnsucht nach seinem Traum von einer "besseren Welt".

Traumland fürwahr. Denn kein anderes Land der Welt identifiziert sich so sehr mit einem Traum und macht ihn zur Grundlage seiner Staatsräson. "The american dream" gehört hier zum Lebenselixier des Bürgers, wie ehemals das "deutsche Wesen", an dem die Welt genesen sollte. Amerikanische Politiker – von Benjamin Franklin bis zu Martin Luther Kings "I have a dream" – haben seit jeher die amerikanische Traummaschinerie in Gang gebracht, wenn das Getriebe der Selbstverheißung blockierte.

Verständlich daher, daß auch Präsident Reagan bei seiner letzten Ansprache zur Lage der Nation auf den amerikanischen Traum zurückkam. Er mußte eine Botschaft an den Mann bringen, die selbst der patriotischste Amerikaner nicht gerne hört: daß nämlich im neuen Budgetjahr alle weniger, nur die Armee mehr bekommen solle. "Der amerikanische Traum", so belehrte Reagan das Volk, "ist ein Lied der Hoffnung, das durch die nächtliche Winterluft schallt. Eine lebendige, zärtliche Musik, die unsere Herzen immer dann erwärmt, wenn die Geringsten unter uns nach den größten Dingen streben.

Was im Klartext heißt, daß die "Geringsten" in Zukunft auf manche Beihilfe werden verzichten müssen. Denn Sozialprogramme schaden der Eigeninitiative und eben jener Fähigkeit zum Traum, die den amerikanischen Bürger über sich und den Rest der Welt hinauswachsen läßt.