ARD, Donnerstag, 13. März, 21.00 Uhr: "Ursprünge. Woher wir kommen, wohin wir gehen". Film von Winfried Göpfert

Kann es einen besseren Beweis dafür geben, wie schwer sich das deutsche Fernsehen mit einem sperrigen Thema tut? Wenn schon einmal der Naturwissenschaft, die unsere Welt und unser Bild von ihr formt wie nichts sonst, zur (fast) besten Sendezeit 86 Minuten und 22 Sekunden eingeräumt werden, dann muß in dieser Zeit schon etwas geboten werden – zum Beispiel nicht weniger als die Entstehung des Menschen, des Lebens und des Universums.

Wie großzügig! In dem Zeitraum, in dem ansonsten die Damen von "Denver" und "Dallas" anderthalb abgelutschte Intrigen pro Woche spinnen, darf Moderator Winfried Göpfert von einem Glanzstück wissenschaftlicher Erkenntnis zum nächsten hecheln: Evolutionsstrategie in der belebten Natur und im Computerlabor. Genetische Hinweise auf den letzten gemeinsamen Ahnen aller lebenden Menschen (vor 280 000 Jahren entstand demnach Homo sapiens). Das Sprachzentrum im Gehirn von Affen und Menschen. Warum starben die Dinosaurier aus? Wo werden die ältesten Spuren des Lebens und die ältesten Gesteine auf der Erde gefunden? Was entsteht bei "Ursuppen"-Experimenten? Wie entstand das Sonnensystem (Stichwort: Supernova)? Woher kommen Materie und Energie und Raum und Zeit?

Tja, woher sollen Göpfert und seine Kollegen aus sechs anderen Ländern, die an diesem Gemeinschaftswerk mitgearbeitet haben, woher sollen sie die Zeit nehmen, um alles Wissen über Kosmos und Leben und Mensch verständlich vorzutragen?

Der erste Teil des "Großen Abends der Wissenschaft" (anschließend gibt es bis in die frühen Morgenstunden Bilder vom Kometen Halley, live von Europas Raumsonde "Giotto" gesendet) ist ein streckenweise glänzend gemachtes Potpourri des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes. Da folgt auf einen Film über die Jagd nach Meteoriten im Eis der Antarktis der freundliche Nobelpreisträger und Chemie-Professor Manfred Eigen aus Göttingen, der seine "Lebensmaschine" erklärt. Da wird ein geniales Experiment vorgestellt, mit dem im vermeintlich völlig gleichförmig aus allen Richtungen des Kosmos einfallenden "Echo des Urknalls" (der sogenannten "Hintergrundstrahlung") doch so etwas wie eine Struktur, eine "Verklumpung" nachgewiesen werden kann. Da erklärt der amerikanische Astrophysiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg, Autor des hervorragenden Buches "Die ersten drei Minuten", den letzten Schrei der Kosmologie – die "Fäden" oder "Superstring"-Theorie.

Und da ist dann auch der Stoßseufzer des Moderators: "Faszinierend. Aber wer soll das noch verstehen?" Anstatt überhaupt einen Erklärungsversuch zu wagen, lassen die Filmemacher ihren kosmischen Zeitraffer, der schon zu Beginn des Filmes in Null-Komma-Nichts von heute zurück zum Urknall schnurrt, noch einmal vom Urknall bis in die Gegenwart rasen, als gelte es, einen neuen Rekord für das Guinness-Buch aufzustellen. Oder soll ein an Videoclips und Werbespots übersättigtes Publikum mit (in der Tat faszinierenden) bewegten Bildern aus dem Computer zur Firma Naturwissenschaft ’rübergezogen werden? Motto: "Unser Kosmos ist der Beste"?

Fast gelingt dies Göpfert und seinen Kollegen, trotz aller mehr oder minder zwangsläufigen Dokumentations- und Argumentationslücken. Doch dann ist da ja auch noch das Versprechen des Titels, etwas darüber zu sagen, "wohin wir gehen". Natürlich könnte sich Göpfert hinter der sehr soliden Erkenntnis verstecken und erklären, warum unsere Zukunft prinzipiell unvorhersagbar ist. Aber was machen er und seine Kollegen? Sie projizieren – ruckzuck die 86 Minuten sind gleich ’rum – "eine gute und eine schlechte" Prognose: "künstliche Intelligenz" oder "nuklearer Winter" (Anmerkung: die "denkenden und fühlenden Computer" sollen die gute Nachricht sein).