Trotz aller Unterschiede erkennen beide Seiten die Pflicht zur Friedenssicherung an

Freudenstadt, im März

Es kommt nicht oft vor, daß Leute, die mit den ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West zu tun haben, im gleichen Text dieselben Stellen ankreuzen. Das gilt erst recht, wenn sie nicht nur Exegeten mit dem kühlen Interesse von Wissenschaftlern, sondern, auf der einen oder anderen Seite, auch politische Akteure sind. Zu verschieden scheinen die Gedankengebäude und Grundüberzeugungen hier und dort zu sein, als daß der Lesestift an den gleichen Passagen verweilen könnte. Aber als Erhard Eppler, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Grundwertekommission, aus der Rede Michail Gorbatschows vor dem sowjetischen Parteitag zitierte, hoben die Gäste aus der DDR überrascht die Köpfe. Sie hatten sich die gleichen Stellen markiert.

So geschehen letzte Woche, mitten im Schwarzwald, in der Fritz-Erler-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Freudenstadt. Dort saßen sich für zwei Tage Mitglieder der Grundwertekommission beim SPD-Vorstand und Gesellschaftswissenschaftler der SED gegenüber, neun zu neun, eine Mischung aus handelnden Politikern und mehr theoretisch engagierten Genossen, zuweilen in ein und derselben Person. Erhard Eppler ist dafür das beste Beispiel.

Kaum anders war die DDR-Delegation zusammengesetzt. Professor Dr. Otto Reinhold etwa ist nicht nur Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, sondern auch Mitglied des ZK. Der Sechzigjährige hat viele politische Missionen erfüllt – bis hin zur ständigen Begleitung Willy Brandts bei dessen Besuch im anderen deutschen Staat im vergangenen Herbst. Wer konnte da in Freudenstadt schon Grenzen zwischen Politik und Wissenschaft ziehen?

Aber es ging ja auch um Grenzüberschreitungen, in einem mehrfachen Sinne. Vor sich die zehn engbedruckten Seiten, auf denen das Neue Deutschland, das Zentralorgan der SED, die Rede Michail Gorbatschows auf dem KPdSU-Kongreß wiedergegeben hat, zitierte Erhard Eppler den Generalsekretär zum Beispiel mit dem Satz, daß sich unter den nuklearen Vorzeichen Bedingungen ergeben hätten, „unter denen die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus lediglich und ausschließlich in Formen des friedlichen Wettbewerbs und der friedlichen Rivalität verlaufen kann“. Und wie auf das Treffen im Schwarzwald gemünzt mußte sich Gorbatschows Rat anhören, daß bei allen tiefen Gräben zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten „ein unvoreingenommenes gegenseitiges Kennenlernen von Positionen und Standpunkten“ für beide Seiten nützlich sei.

Darum geht es – zum ersten Male seit dem endgültigen Schisma der deutschen Arbeiterbewegung von 1918/19 – schon seit einiger Zeit. Die sozialdemokratischen Aktivitäten im Ostblock, besonders von den Bonner Christdemokraten in Bausch und Bogen als „Nebenaußenpolitik“ verschrien, sind inzwischen vielfältig – von der Modellvereinbarung mit der SED über eine chemiewaffenfreie Zone in Mitteleuropa bis zu den Kontakten mit der polnischen KP über vertrauensbildende Maßnahmen oder mit den Ungarn über einen Ausbau der wirtschaftlichen Ost-West-Zusammenarbeit. Am aufregendsten aber ist der Prinzipiendisput, der zwischen SPD und SED begonnen hat.