Die Trümmer der explodierten Raumfähre Challenger waren am 28. Januar noch nicht abgekühlt. Da erschienen schon die Claqueure der bemannten Raumfahrt auf den Bildschirmen und schwadronierten von einer Tragödie: Trotz doppelter Sicherungen habe ein unvorhersehbarer Fehler den 25. Flug eines Space Shuttle feurig beendet. Und in die Trauer um die sieben Astronauten fiel Ronald Reagans trotziges "nur den Mutigen gehört die Zukunft".

Nun, nach einem guten Monat der Anhörungen und Recherchen, sieht es so aus, als hätten die Mutigen an Bord der Challenger noch eine Zukunft, wären ihre Kollegen etwas vorsichtiger gewesen. Die Erkundungen der von Präsident Reagan eingesetzten Untersuchungskommission unter Leitung des ehemaligen Außenministers William Rogers, die Nachforschungen eines ähnlichen Gremiums des amerikanischen Kongresses sowie die Recherchen von Journalisten ergeben ein gar nicht mehr glanzvolles Bild der Raumfahrtbehörde Nasa: Der Entscheidungsprozeß, der am 28. Januar zur Startfreigabe führte, "war fehlerhaft" (Rogers-Kommission); die Warnungen der Fachleute wurden in den Wind geschlagen, Sicherheitsbedenken nicht an die Spitzenmanager der Nasa weitergegeben.

Aber nicht nur in den 24 Stunden vor dem Unglücksflug verletzte die Nasa ihre Philosophie "Sicherheit über alles". Die Liste erkannter, aber nicht korrigierter Mängel vor allem der Hilfsraketen ("Booster") reicht Jahre zurück.

Auf Tausendstelsekunden kann inzwischen der Unglücksablauf rekonstruiert werden. Photoserien und die Auswertung des Datenstroms von der Challenger zeigen, daß der Flug schon eine knappe halbe Sekunde nach dem Start zum Scheitern verurteilt war: Schwarzer Rauch trat aus der Verbindung der beiden unteren Treibstoff-Segmente des rechten Boosters aus. Erklärung: Nach der Zündung der Feststoffrakete dehnten die heißen Gase die Stahlhülle des Boosters zwischen den Segmenten stärker als an den Verbindungen, so daß dort eine leichte Drehbewegung die beiden ringförmigen Gummidichtungen sowie den sie schützenden, hitzefesten Kitt etwas aus ihrer Position rutschen ließ – gerade genug, um die mehr als 3000 Grad Celsius heißen Gase eindringen zu lassen.

Zunächst hielt wohl der zweite Ring noch dicht, doch nach 59 Sekunden – als die Raumfähre den größten mechanischen Belastungen ausgesetzt war – fraßen sich die Gase durch. Die schweißbrennerheißen Flammen zerstörten die Halteverbindung zwischen dem Booster und dem riesigen Außentank. Nach 72 Sekunden schwenkte der untere Teil des Boosters erst vom Shuttle weg und dann wieder zurück, wobei vermutlich ein Flügel der Challenger beschädigt und der untere Teil der Raumfähre versengt wurde. Eine Sekunde später durchbrach dann die obere Halteverbindung des Boosters die Wand des Außentanks. Aus dem Leck strömten Sauerstoff und Wasserstoff, entzündeten sich und explodierten. Nach genau 73,605 Sekunden riß der Datenstrom von der Challenger ab.

Direkte Ursache des Versagens der Dichtringe war allem Anschein nach die Kälte. Schon die Lufttemperaturen in der Nacht vor dem Start lagen unter dem Gefrierpunkt. Der rechte Booster lag auf der windabgewandten Seite des extrem kalten, mit flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff gefüllten Außentanks. Vorbeistreichende Winde kühlten den Booster ab: Am Morgen vor dem Start hatte ein Ingenieurtrupp eher zufällig eine Temperatur von etwa minus 13 Grad Celsius auf der Außenhaut der Unglücksrakete gemessen – aber diese Information erreichte nicht die zuständigen Manager.

Probleme mit den Dichtringen sowie die Gefahr einer Versprödung des Gummis bei niederen Temperaturen waren der Nasa und dem Booster-Hersteller Morton Thiokol seit Jahren bekannt. Bekannt war auch, daß ein Versagen der Dichtringe beim Start für die Astronauten den Tod bedeuten würde. Ja, von den 14 theoretisch wichtigsten Unglücksursachen bei einem Shuttle-Start galt dies Booster-Versagen als die wahrscheinlichste Möglichkeit.

Doch als sich 15 fachkundige Thiokol-Ingenieure in der Nacht vor dem Start wegen der niedrigen Temperaturen für eine Verschiebung des Fluges aussprachen, wurden sie von ihrer Geschäftsleitung und den zuständigen Nasa-Managern überstimmt. Die Thiokol-Bosse standen damals mit der Raumfahrtbehörde in Verhandlungen über einen Milliarden-Dollar-Nachfolgeauftrag. Und die Nasa-Manager standen unter extremem Zeitdruck wegen des bereits um Jahre hinter der ursprünglichen Planung herhinkenden Shuttle-Programms. "Mein Gott, Thiokol, wann glaubt ihr, daß ich starten soll? Nächsten April?" entgegnete der für die Feststoffraketen zuständige Nasa-Manager Lawrence Mulloy den warnenden Firmen-Experten. Dann gab Mulloy seinen Vorgesetzten grünes Licht, ohne sie von den Sicherheitsbedenken der Ingenieure zu informieren. Günter Haaf