Von Hans Harald Bräutigam

Nicht gerade selten lesen oder sehen wir sensationelle Berichte über Krebsheilungen. Dies ist verständlich, denn es gibt allzu viele Betroffene. Den Medien, die hiervon berichten, kann man dies nicht vorwerfen, denn das Thema der Krebserkrankung und Krebsheilung verliert nie an Interesse. Gewiß sollte manchmal die Aufmachung nicht so sensationell sein, und natürlich wünschten wir Ärzte, daß der Berichterstattung solide Fakten und seriöse Daten zugrunde lägen. Oft ist aber der Verkünder einer aufsehenerregenden Methode angeblicher Krebsheilung ein Arzt und kein Guru oder „Heiler“.

Mitteilungen über dramatische Krebsheilungen werden bevorzugt abgedruckt, weil sie lieber gelesen werden, als die trockenen und meist auch unverständlichen Berichte über Erfolge naturwissenschaftlich begründeter Heilmethoden beim Krebs. Der Beweis, daß Operationen, die zur Geschwulstverkleinerung oder gar Ausrottung führen, erfolgreich sind, manchmal in Verbindung mit Röntgenbestrahlung oder einer medikamentösen Behandlung mit Zellgiften, der Chemotherapie, ist längst schon erbracht. Manche Krebsformen werden vollständig ausgeheilt; der Blutkrebs gehört hierzu. Bei anderen Krebserkrankungen sind die Behandlungserfplge dürftig. Im wesentlichen liegt das auch daran, daß diese Krebsarten zu spät entdeckt werden.

Ärztliche Vorsorgeuntersuchungen, die zur rechtzeitigen Entdeckung beispielsweise von bösartigen Veränderungen an der Gebärmutter führen, haben diese Krankheit heilbar werden lassen.

Nun wettert leider der Chirurgieprofessor Julius Hackethal gegen Vorsorgeuntersuchungen schon lange. Mit seinem Rat, Ärzte wie die Pest zu meiden, hat er wohl auch dazu beigetragen, daß heute weniger Frauen das Vorsorgeuntersuchungsangebot annehmen. So wissen Gynäkologen, daß jetzt immer häufiger erst fortgeschrittene Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses in Behandlung kommen. So ist es eigentlich schon auffallend, daß jetzt gerade Hackethal sich der Krebstherapie widmen will. Er hat kürzlich lauthals berichtet, daß er den Schlüssel zur Krebsheilung gefunden habe, und ein von ihm als neuartig bezeichnetes Behandlungssystem bei allen Krebskrankheiten der Öffentlichkeit vorgestellt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Keiner wird bezweifeln, daß Hackethal es mit den Krebskranken gut meint. Und jeder wird gewiß begrüßen, daß er hoffnungslos Schwerkranken wieder Lebenshoffnung machen will. Aber: Sollten nicht gerade Erwartungen und Hoffnungen, die Ärzte wecken, auch durch korrekt erhobene Befunde und Daten begründet sein? Ärzte sind gewiß nicht reine Naturwissenschaftler wie Chemiker oder Physiker. Erst Zuwendung zum Kranken macht aus dem Mediziner den Arzt, aber dabei darf der Arzt naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse nicht vernachlässigen.

Wie sieht es nun mit den objektivierbaren, weil nachweisbaren naturwissenschaftlichen Grundlagen der Hackethalschen Krebstherapie aus? Er nimmt für sich in Anspruch, mit einer Hormonblockade eine erfolgreiche Behandlung aller Krebsformen gefunden zu haben. Daß diese Hormonblockade nicht von Hackethal erfunden, sondern bereits im Jahre 1973 von den amerikanischen Nobelpreisträgern Andrew Schally und Roger Guillemin erstmals beschrieben wurde, sei nur am Rande erwähnt. Diesen beiden Wissenschaftlern ist es unabhängig voneinander gelungen, aus der Hirnanhangsdrüse Hormone zu isolieren, die die körpereigene Produktion von Sexualhormonen bewirken. Das von Schally und Guillemin gefundene Neurohormon, als LH/RH-Faktor bezeichnet, reguliert die Fruchtbarkeit. Es ist gelungen, diese Hormone im Labor synthetisch herzustellen. Sie sind hundertfach wirksamer als die natürlich vorkommenden, haben aber nur eine kurze Wirkdauer und müssen daher täglich genommen werden.