Mittwoch, den 10. Juni 198 ...

Habe mich heute zu einem Anruf bei der „Venus im Pelz“ durchgerungen. Ich war furchtbar aufgeregt am Telephon, stotterte, druckste herum ... schließlich lasse ich mich zum erstenmal auf so etwas ein. Die Frau hat eine dunkle, angenehm vibrierende Stimme, die mich ungemein beruhigte ... Ich spürte, diese Frau besitzt etwas, was mir bislang noch fehlte, eine solide geistige Grundlage. Auf einen Schlag wurde mir die Schwäche meines Ichs bewußt ... Ein ganzes Leben lang habe ich die Vielfalt meiner Individualität unterdrückt... Immerhin ist die schöpferische Unternehmerpersönlichkeit. die wesentliche Triebkraft unserer Zivilisation. Besitz zu erringen, Besitz zu ergreifen, Besitz zu schaffen: wie glühende Lava drängt das werdende Ich. Zum ersten Male offenbart sich mir die Sinnlichkeit des Investmentgeschäfts: ekstatisch bäumt sich die Rendite empor, die Produktion schwillt an, Kapitalströme bersten hervor, branden auf in schmerzlich-lustvollem Ringen um Märkte und verschmelzen zu weltumspannenden Trusts. Himmelwärts stürmt der Boom, um todestrunken in die Baisse zu taumeln, um zu zerschellen in der Kapitalvernichtung, sich zu verlieren in den kosmischen Tiefen der Kapitalkonzentration ...

aus: Ulrike Heider (Hrsg.), „Sadomasochisten, Keusche und Romantiker – Vom Mythos neuer Sinnlichkeit“; rororo-Sachbuch, Rowohlt Verlag, Reinbek 1986; 269 S., 12,80 DM

P.E.N. in Hamburg

Alberto Moravia, Christa Wolf, Breyten Breytenbach, Susan Sontag, Alain Bosquet und Margaret Atwood haben schon zugesagt: zum erstenmal seit dem Krieg wird der 1921 in London als Völkerbund der Poeten, Essayisten und Novellisten gegründete P.E.N. auf deutschem Boden, in Hamburg tagen. „Zeitgeschichte im Spiegel zeitgenössischer Literatur“ soll das Thema der Zusammenkunft vom 22. bis 27. Juni sein, ein halbes Tausend Schriftsteller aus aller Welt wird erwartet. Im Mittelpunkt steht auch bei der Hamburger Tagung wieder das Schicksal der vielen hundert verfolgten und eingekerkerten Schriftsteller aller Nationen, für deren Freilassung der P.E.N. seit Jahren kämpft. „Writers in prison“ gelten ein großer Benefiz-Abend im Thalia Theater und viele andere Veranstaltungen des üppig geplanten Rahmenprogramms. Bei Lesungen und Ubersetzerkollegs soll es vor allem um hierzulande vernachlässigte Literaturen gehen, um neue Dichtung aus Island, Bulgarien, den Philippinen und dem Senegal. Die Uraufführung einer neuen Komposition von Isan Yun zum 65. Geburtstag des P.E.N. wird die Tagung eröffnen; den Festvortrag hält, versteht sich, Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

O Waldeck

„Militaria des Fürstentums Waldeck sind vom 19. Februar an in einem neuen Ausstellungsraum im Museum Schloß Friedrichstein in Bad Wildungen zu sehen“ – ja, das sind die kleinen Meldungen, die uns erfreuen. Dann wissen wir, das hier ist noch Deutschland, unser liebes Deutschland, mit seinen lieben kleinen Fürstentümern und Herzogtümern, seinen Kurbädern, seinen Friedrichsteinen und Wilhelmsburgen mit ihren Vorder- und Hinterladern in staubigen Vitrinen (daneben der eingeschlafene Wärter), und man sieht, diese wichtige Nachricht in seinem Morgenblatte nach einem guten Mittagsmale lesend, behaglich in den Sessel gestreckt, schon das süße Licht des Nachmittags durch die zehnsprossigen Fenster des neuen Ausstellungsraumes des Schlosses Friedrichstein in Bad Wildungen fallen und die Militaria des Fürstentums Waldeck in sanftem Schimmer ruhen. O Waldeck, von murmelnden Bächen durchzogen, o Friedrichstein, von Wäldern umrauscht, o Bad Wildungen, unter alten Gassen der heilende Quell’ – wie geht einem bei der Lektüre dieser vier Zeilen doch das deutsche Herz so auf!