Schulden im Wüstensand

Der Stadtrat von Westminster, dem Borough im Herzen Londons, sucht Außenstände einzutreiben. In einem Brief an den Oberst Muammar al-Ghaddafi, Tripolis, mahnt der Stadtbezirk die Zahlung von 200 000 Pfund Sterling (ungefähr 640 000 Mark) an: Grundstückssteuern für drei Immobilien, die dem libyschen Staat gehören. Eins der drei Grundstücke wurde als Mörderhöhle vor zwei Jahren schlagzeilenträchtig, als ein libyscher Schütze aus einem Fenster des „Volksbüros“ (vulgo Botschaft) am feinen St. James Square auf Demonstranten schoß und eine englische Polizistin tötete. Das war das Ende der britisch-libyschen Beziehungen und der Arbeit des Volksbüros; seit bald zwei Jahren also fehlen dem Kämmerer von Westminster die Steuern der Libyer. Vielleicht hofft er jetzt darauf, daß Ghaddafi, stets auf Suche nach Revolutionären, die seine finanzielle Hilfe brauchen können, die Mahnung aus London für die Bitte politischer Sympathisanten um ein Bakschisch hält.

Sprengstoff

Im Golfkrieg ist Frankreich Partei, wichtiger Waffenlieferant des Irak und darum völlig mit dem Iran des Imam Chomeini verfeindet, der sein altes Exilland längst zu den teuflischen Weltmächten rechnet. Aus seiner Sicht nicht ganz zu Recht, falls La Presse de la Manche die Wahrheit sagt. Ein Reporter der westfranzösischen Zeitung glaubt beweisen zu können, daß die „Nicole“, Schiff eines französischen Reeders unter Flagge der Bahamas, am 7. Januar 1986 mit 3381 Paletten voll Granaten und 47 Sprengstoff-Containern den Hafen Cherbourg verließ – in Richtung des Persischen Golfes. Die Exporteure hatten die offizielle Genehmigung, den Sprengstoff nach Brasilien zu verkaufen, und das Verteidigungsministerium in Brasilia war auch der offizielle Adressat. Tatsächlich aber – das ergaben angeblich die Unterlagen des Schiffsversicherers Lloyds – steuerte die „Nicole“ den iranischen Hafen Bander Abbas an. Die französischen Granaten, das weiß man in Paris, passen auch auf die amerikanischen Kanonen, mit denen Chomeinis Soldaten auf die französisch ausgerüsteten Irakis schießen.