Gorbatschows Reformdrang geht manchen Funktionären zu weit

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Die Partei-Elite hinter sich, die revolutionären und staatlichen Würdenträger aus über hundert Ländern und aus fast ebenso vielen sowjetischen Ministerien vor sich, beschwor der Erste Gebietssekretär von Omsk die Historie. Die Stimme erhoben, den Blick über den Rand des Manuskripts in die gewaltige Arena des Kreml-Palasts gerichtet, beklagte S. I. Manjakin Übermut und Überzahl der Ämter: "Die Geschichte wird den Ministerien nicht verzeihen."

Bei diesen Worten hielt sich Michail Gorbatschow, der trotz des ermüdenden Rituals auf offener Bühne und trotz des erschöpfenden Ringens hinter den Kulissen meistens wie ein selbstgewißheiteres Sonntagskind des Parteitags wirkte – er war am vergangenen Sonntag 55 Jahre alt geworden –, nicht länger zurück: "Die Geschichte wird nicht verzeihen", rief er laut dazwischen, "aber wir tun es immer noch!"

Der Verlauf des Moskauer Marathons, der den Triumph der leninistischen Rationalisten über die bürokratischen Traditionalisten demonstrieren sollte, gab Gorbatschows kritischem Einwurf recht. Nicht nur die verkrustete Maschinerie und die beharrenden Massen des Riesenreiches lassen sich schwer zum Aufschwung bewegen. Auch aus Provinzen, Partei und sogar aus dem neuen Politbüro meldeten sich auf dem 27. Parteitag besorgte Stimmen, die denn doch lieber verzeihen als verändern möchten.

Diese Stimmung machte sich der bullige Prediger einer puristischen Disziplin, der zweite Mann er Partei, Jegor Ligatschow, zunutze. Der nach Gorbatschow erfolgreichste Sowjetpolitiker der letzten Jahre – den schon Andropow aus der sowjetischen Provinz geholt hatte, damit er bis zu diesem Parteitag möglichst viele korrupte Bürokraten und Breschnjew-Protegés ausschaltet – trat als Anwalt all derer auf, die Symptome kurieren wollen, dabei aber das System nicht tangieren möchten. Der dynamische und durchaus überzeugend wirkende Mittsechziger, der in Moskau 1983 mit der Devise angetreten war: "Ohne breite Unterstützung kann man selbst nie Erfolg haben", ließ seine Sorge durchblicken, daß der von Gorbatschow verordnete Klimawechsel der Partei zuviel zumutet. Die kräftigen, grauen Haarsträhnen aufgerichtet, donnerte der einstige Ingenieur seine Bedenken in den Palast: "Wir haben verschiedene Zeiten erlebt. Wir hatten starke Fröste und Tauwetter. Aber wir brauchen beständiges, gutes Wetter."