Von Horst Bieber

Seitdem die Katastrophenmeldungen vom großen Hunger in Afrika nicht mehr jeden Abend die Fernsehnachrichten bestimmen, ist das Interesse an der Entwicklungshilfe – oder auch Entwicklungspolitik – merklich abgeflaut. Einzig der Bundespräsident sorgt mit seinen Reisen in Länder der Dritten Welt noch dafür, daß dieses Thema nicht wieder gänzlich den Fachleuten überlassen bleibt, die zwar auf dem Höhepunkt des öffentlichen Interesses eine gewisse Rat- und Hilflosigkeit einzugestehen bereit waren, aber den gegenwärtigen Zustand des ungestörten Weiterwursteins einer Neuorientierung vorziehen. Richard von Weizsäcker hat die undankbare, aber hilfreiche Rolle des unbequemen Fragers übernommen – eine Rolle, die allzu lange nicht besetzt war.

Am kommenden Montag veranstaltet der Bundestagausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Antrag der SPD eine Anhörung zum Thema "Entwicklungspolitik – Bilanz und Perspektive". Damit soll, wie es der SPD-Obmann Schluckebier formulierte, der "stärker gewordenen Grundsatzkritik" Rechnung getragen werden, freilich nicht so weit, daß am Ende eine totale Abkehr von gewohnten Rezepten steht: "Ebenfalls zu Wort kommen sollen Sachverständige, die der Entwicklungspolitik zwar nicht unkritisch gegenüberstehen, sie aber nicht pauschal verwerfen und nach Verbesserungsmöglichkeiten suchen." Das Schlüsselwort heißt Reform, von der sich schon jetzt sagen läßt, daß sie um so zaghafter ausfallen wird, je länger neue Schreckensbilder auf sich warten lassen.

Drei Lager haben sich mehr oder minder deutlich herausgebildet. Das eine – stellvertretend sei Willy Brandt genannt – setzt darauf, mehr Geld der Industriestaaten werde auch mehr helfen. Diese Auffassung umgeht die heikle Frage, ob in den Empfängerländern die nötigen politischen und wirtschaftlichen Mechanismen existieren, den Geldsegen wirkungsvoll umzusetzen.

Auf der anderen Seite behaupten Kritiker wie Brigitte Erler oder Lord Bauer, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, nicht weniger entschieden: "Entwickungshilfe nutzt nichts oder schadet gar."

Die dritte Position möchte die Entwicklungshilfe wohl fortsetzen, räumt aber ein, daß die bisherigen Kriterien zum Teil drastisch verändert werden müssen. Zu offensichtlich ist der Fehlschlag in der bisherigen Praxis; offenkundig ist indes auch, daß die Suche nach neuen Kriterien bislang erfolglos verläuft. Zwar widerspricht kaum ein Experte der neuen These, daß der Norden den Süden nicht "entwickeln" kann, sondern bestenfalls eigene Entwicklungsansätze des Südens zu fördern vermag, mit Geld und fachlicher Beratung. Gleichermaßen unumstritten ist die Einsicht, daß bei diesem Ansatz die privaten Hilfsorganisationen besser und schneller Zugang zu den Selbsthilfe-Organisationen der armen Staaten finden als staatliche Teams. Nicht ganz so einmütig, doch immerhin überwiegend wird der Satz akzeptiert "Lieber eine Million Projekte als Millionen-Projekte". Aber als die große Alternative taugt auch dieser an sich verheißungsvolle Ansatz nicht.

Das Sahel-Debakel hat mit Tausenden von Opfern verdeutlicht, daß rasch etwas geschehen muß, um die Ernährungsbasis vieler Staaten zu verbreitern. Nahrungsmittel-Hilfe kann Katastrophen mildern, aber auf Dauer die Ausweitung der Lebensmittelproduktion nicht ersetzen. Einmal – kühn genug – unterstellt, alle Regierungen der Dritten Welt beugten sich dieser Einsicht und konzentrierten ihre Mittel nur noch auf die Förderung der Landwirtschaft – dieses Wunder braucht mehr Zeit, als das Bevölkerungswachstum zuläßt.