Gehen Grüne spazieren? Legen sie hin und wieder ihre Papers und Tabellen in den Rollschrank und ertappen etwa, tief drinnen im Walde „die Ewigkeit in Form / einer eiligen lautlosen / Viertelstunde“, wie es in einem Gedicht von Günter Kunert heißt: „Eh ich sie begriff / sprang sie davon / durch das Unterholz. Nun / bin ich aufs Neue / ganz sterblich.“ Oder sind sie, angewidert etwa vom Zustand der Wasserbaukunst im Trapezdoppelprofil, so sehr in gesellschaftspolitische Theorienbildung verstrickt, daß sie den einzig noch gebliebenen Eisvogel gar nicht sehen, wie er mit seinem Türkis-Rücken über die Uferhecken funkelt? Schaut Jo Leinen, saarländischer Umweltminister, der Grünste unter den Roten, in die Natur oder in die Akten, wenn er mit dem Dienstwagen durch das Saarland kutschiert wird? Vor kurzem ist er jedenfalls, mitten in der Stadt Völklingen, mit 88 Stundenkilometern Geschwindigkeit, in eine Radarfalle gerauscht. „In der sogenannten Grünen Partei ist von Landschaft, Pflanzen und Tieren wenig die Rede. Die Kenntnis der konkreten Natur ist dort besonders kümmerlich“, sagt Barbara von Wulffen in ihrem Buch „Lichtwende“ und wirft Fragen auf, die nicht nur Grüne beschäftigen sollten.

Ihr kluger Vorsatz, dem Kennen- und Lassenlernen und nicht einem abstrakten Wirkungsmechanismus das Wort zu reden, hat mich veranlaßt, ein sogenanntes Sachbuch zu meinem Taschenbuch zu wählen (was ich ursprünglich strikt vermeiden wollte, um nicht statt mit Poesie nur mit Ratgebern Rat zu geben). Doch rasch erweist sich „Lichtwende“ als ein Lesebuch, das in lockerer Folge sieben Landschaftsgefüge beschreibt: Wiese und Wasser, Moor und Wald, Hochgebirge, Wattenmeer und die Luft, die nicht nur die Vögel, sondern auch die Menschen zum Aufschwung einlädt, so daß Paul Celan in einem Gedicht sagen kann: „Was du noch bist, legt sich schräg. / Du gewinnst / Höhe.“

Dieses Lesebuch ist auch ein Gedichtbuch; Wilhelm Lehmann spricht vom Kniepsand und vom Haferhalm, Sarah Kirsch von den Erlen im Moor, Kunert und Kunze, Huchel und Rilke sprechen von Amsel und Tang, von Grotte und Vulkan und was ihr Wahrnehmen in ihnen bewirkt. Jedes Kapitel des Buches ist von einem Gedicht eingeleitet, die Verfasserin argumentiert mehr mit Poesie als mit Fakten und Daten. Auf diese Weise bringt sie die Qualitäten sinnlicher Empfindung ins Spiel, traut dem Auge und dem Ohr mehr zu als dem dürren Gehirn, Welt zu entdecken und zu erfahren.

In der Schule werde nicht mehr das Staunen gelehrt, das Anschauen gepflegt, die Liebe gehegt, sie häufe Wissen an über Nahrungsketten, Funktionskreise, Vererbungsregeln und übe sich im Ökologie-Chinesisch, so daß schon Kinder sich nicht mehr in der Welt heimisch fühlten, am Ende nur noch die Maschinentheorie über sie, nicht mehr sie selbst kennten. Barbara von Wulffen empfiehlt, so naiv es scheint, so gezielt sicher ist es tatsächlich: „Einem Kind zu sagen: ‚Horch, da singt eine Amsel‘, wäre beste ökologische Erziehung.“ Und, wie Celan schreibt: „Vom Anblick der Amseln, abends / durchs Unvergitterte, das / mich umringt, / versprach ich mir Waffen.“

Worte, Einsichten, Aufrütteln als Waffen, keine Mordinstrumente. Eine neue Wende?

(Barbara von Wulffen: „Lichtwende – Vorsorglicher Nachruf auf die Natur“; Reihe Texte und Thesen, Nr. 178, Edition Interforum, Zürich/Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1985; 148 S., 14,–DM.) Ludwig Harig