Von Marion Gräfin Dönhoff

Karl Dedecius hat einmal gesagt, der Übersetzer habe die Funktion eines Fährmannes. Übersetzen heißt, so meint er, über-setzen hinüber über den trennenden Fluß auf die andere Seite. Nun wäre diese Begabung allein gewiß nicht ausreichend, eine weitere Voraussetzung ist unerläßlich: umfangreiches Wissen. Der Übersetzer muß die Geschichte des betreffenden Landes kennen, nicht nur die Geschichte im historischen Ablauf, sondern auch die Geistes- und Kulturgeschichte.

Dedecius hat in den siebziger Jahren ein Büchlein geschrieben, „Deutsche und Polen“, das im Hanser Verlag erschienen ist. Es ist wunderbar geeignet, uns die Geschichte unseres Nachbarlandes näherzubringen. Man lernt daraus, daß es in den deutsch-polnischen Beziehungen nicht nur düstere Kapitel gegeben hat, sondern viele lichte Momente enger freundschaftlicher Beziehungen und gegenseitiger Befruchtung. Der Autor führt uns im Flug durch die Jahrhunderte mit dem Spürsinn und der Achtsamkeit, aber auch der Abenteurerlust des Entdeckers.

Niemand kann sagen, welcher Nation der Autor angehört. Er ist Deutscher, aber es könnte auch sein, daß er Pole wäre: Er ist stolz darauf, daß der Humanismus in Polen bedeutende Persönlichkeiten wie Johannes Laski, den Zeitgenossen und Freund von Erasmus, hervorgebracht hat; daß der große Gelehrte, Philosoph und Staatsmann Leibniz, dem unsere Geistesgeschichte so viel verdankt und der für die Gründung der Preußischen Akademie der Wissenschaft in Berlin verantwortlich war, daß er polnischer Decendenz ist – der Urgroßvater war während religiöser Verfolgungen aus Polen nach Deutschland geflohen. Auch E. T. A. Hoffmanns Vorfahren kamen aus Polen.

Man spürt aber auch gleichermaßen Stolz und Befriedigung bei Dedecius, wenn er den umgekehrten Vorgang schildert, beispielsweise daß der polnische Freiheitsheld, General Dabrowski, der nach der dritten Teilung Polens 1796 in Italien die polnische Legion aufstellte, Schillers Gedichte in der Satteltasche mit sich führte. Er – Dabrowski – war es übrigens, der das berühmte Lied, das später zur Nationalhymne wurde, „Noch ist Polen nicht verloren“, damals zum Fanal des Freiheitskampfes gemacht hat.

Als sich nach dem Aufstand vom November 1830 Ströme polnischer Flüchtlinge über Sachsen, Franken, Hessen und die Pfalz ergossen, schlug ihnen eine Welle bewegter Anteilnahme der Dichter und Intellektuellen entgegen, und die Bevölkerung organisierte allenthalben Hilfe und bezeugte ihre Solidarität.

Schiller hat mit seinem Gerechtigkeitssinn und seinem nie ermüdenden rebellischen Geist den polnischen Schriftstellern viel bedeutet. Dedecius schildert in jenem Büchlein, daß Adam Mickiewicz, mit dessen Erstlingswerk im Jahr 1822, wie er sagt, die moderne polnische Literaturgeschichte begann, ganz fasziniert von diesem deutschen Dichter war. Nachdem er „Maria Stuart“ gelesen hatte, rief er aus: „Alles ist wundervoll. Erbarmt Euch und schickt mir irgend etwas Deutsches, denn ich habe für meine besten Augenblicke nichts mehr zu lesen!“ Und über die „Räuber“ sagte er: „Nichts anderes hat mich so stark bewegt, und nichts wird es jemals wieder tun.“