Wenn die Schreckensrufe recht behalten, wird sich der Petersberg alsbald in eine Imitation seiner selbst verwandeln. Und dem Bundestag droht außer der völligen Umkremplung seines Plenums ein neuer Eingang, hinter dem man Züge nach Fallingbostel oder Rastatt, aber nicht das „Forum der Nation“ vermuten würde. Was Wunder, wenn es über den weiteren Ausbau Bonns zur politischen Capitale wieder Streit gibt – einen Streit, in dem die Denkmalschützer empört und die wenigen wirklich engagierten Abgeordneten überrascht, die Baubehörden hingegen zu allem entschlossen sind.

Tatsächlich wird es diesmal ernst. Mit dem Abbruch von Teilen des alten Petersberg-Hotels im Siebengebirge, das die Regierung endgültig zu ihrem Gästehaus machen will, ist bereits begonnen worden. Ob er am Ende mehr als nur einige Fassaden übriglassen wird, weil das Innere dem künftigen Verwendungszweck nicht genügt und die Bausubstanz ohnehin schlecht ist, das steht noch dahin. Kaum anders beim Plenarsaal des Parlaments: da er den Feuerschutz-Bestimmungen schon lange nicht mehr entspricht und weil er sowieso eine neue Sitzordnung und endlich einen repräsentativen Zugang erhalten soll, kommt der Umbau einer tabula rasa gleich.

In dem deshalb neu entbrannten Streit steht mittlerweile Aussage gegen Aussage. Der CDU-Abgeordnete Franz Möller etwa, Mitglied der Baukommission des Bundestages und Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Raumordnung und Städtebau – selbst Franz Möller erklärt nun, wie die Denkmalschützer: Wenn man heute etwas anderes wolle als ehedem beschlossen, „dann hätte man das auch klar sagen müssen“. Die Bundesbaudirektion dagegen zeigt sich verwundert: daß Sanierung auch Abbruch heißen könne, daran sei nie ein Zweifel gelassen worden. Und sie beruhigt: so schlimm werde es nicht kommen.

Wirklich nicht? Unwidersprochen war zum Beispiel von Plänen die Rede, das Portal des Petersberg-Hotels, weil bei der neuen Funktion unpassend, fortan irgendwo im Gelände aufzustellen. Die den Griechen nachempfundenen Säulen sind keine Zierde an sich. Aber auf Hunderten von Photos sind sie zu sehen, als Konrad Adenauer den roten Läufer der alliierten Hochkommissare betrat, die nach dem Krieg auf dem Petersberg residierten. Nach dem Protokoll durfte er das nicht, aber er tat es als symbolischen Schritt, hin zur westdeutschen Souveränität. Oder das Portal als Hintergrund, als in dem Hotel, das schon einmal Gästehaus war, einst der Negus, die Queen, schließlich Breschnjew abstiegen – das gehörte damals zum bundesdeutschen Seelenhaushalt, als ein Stück sentimentaler Selbstbestätigung. Die Verbannung des Portals ist inzwischen vom Tisch. Aber die Absicht allein spricht Bände.

Über die historische Bedeutung des alten Plenarsaals muß man ohnehin nichts sagen. Fingerspitzengefühl statt der Abrißbirne, das verstünde sich von selber. Aber wenn es sich in Bonn nicht so versteht, dann hat das vor allem mit den Luftwurzeln dieser politischen Capitale zu tun – mit einer Stadt, in der die meisten Politiker nicht wirklich leben, sondern nur Termine haben.

Dann kann sich die Baubürokratie offenbar Eigenmächtigkeiten erlauben. Dann entstehen, wie jetzt etwa für die Post, neue Ministerien von einer Gestalt, als sei die jüngste Geschichte an Bauherren wie Architekten spurlos vorübergegangen. Und dann wird das Parlament zum Bahnhof.

Umgekehrt kommt es nicht von ungefähr, wenn die symbolischen Gebärden besonders groß ausfallen. Die Pläne für ein Haus der Geschichte, als Domizil gerade für die Nachkriegshistorie, sind ja in Bonn bereits auf dem besten Wege. Es liegt der Wende-Regierung besonders am Herzen. Dort wird man dann Nachbildungen und Relikte sehen können, während die Originale, ehedem nur einen Steinwurf oder ein paar Kilometer entfernt, in Trümmer gelegt worden sind. Was für ein Zusammentreffen – und was für ein Dementi des neuen Geschichtsbewußtseins.

Carl-Christian Kaiser