Von Petra Kipphoff

DIE ZEIT: In Ihren Reden und Aufsätzen und natürlich auch in Ihrer Anschaffungspolitik spielt der Begriff Qualität eine entscheidende Rolle. Ist das Bestehen auf Qualität nicht eine Selbstverständlichkeit für jemanden, der im Namen der Öffentlickeit Geld ausgibt und Kunst sammelt? Andererseits: gibt es eigentlich objektive Qualitätsmaßstäbe in einem so subjektiven Feld wie der Kunst?

WERNER SCHMALENBACH: Also mein Lieblingswort ist Qualität nicht, weil ich finde, daß dieses magere Wort zu dünn ist für die Sache, die es betrifft. Die Qualität ist für mich zunächst einmal nichts anderes als eine tägliche Lebenserfahrung. Ich meine sie weder theoretisch noch definitorisch noch irgendwie ambitiös, sondern ich bin das Opfer der Qualität als derjenige, den sie betrifft, indem sie mich einfach überrumpelt, überrollt, zwingt, als Museumsdirektor nämlich, Geld auszugeben, das ich lieber behielte.

Das Urteilen über Qualität ist zunächst einmal natürlich subjektiv insofern, als einer ja urteilen muß. Also ein Subjekt muß sich schon dafür hergeben, ein Urteil auszusprechen. Übrigens: Wenn es objektive Kriterien gäbe, dann müßten diese ja auch nicht nur zur Beurteilung der Kunst, sondern spiegelbildlich zu ihrer Herstellung taugen. Aber bloß subjektiv ist das Kunsturteil natürlich auch nicht. Es gibt schon gewisse Gültigkeiten, es gibt auch ein verantwortliches Urteil. Und in dieser Verantwortlichkeit des Urteils steckt schon ein Stückchen Objektivität, mindestens Objektivität in der Verantwortung, die man da mitwirken läßt an dem Urteil.

Die Sache mit der Qualität ist erkenntnistheoretisch ungeheuer kompliziert und schwierig, aber sie ist eben eine simple Sache insofern sie eine konkrete Erfahrung ist. Sie setzt eine gewisse Sensibilität voraus, also wiederum eine subjektive Veranlagung. Qualität ist nicht quantifizierbar. Um sie zu erkennen, bedarf es einer gewissen ästhetischen Erfahrung. Natürlich unterliegen wir auch, ob wir es nun wollen oder nicht, immer irgendwelchen historischen, soziologischen oder psychologischen Zwängen, die unser Urteil beeinflussen. Nur: Diese Bedingtheiten betreffen immer nur den Stil, nie die Qualität. Man könnte also zugespitzt sagen: Ein Kunstwerk hat einen objektiven Rang, der durch ein subjektives Urteil bestimmt wird.

DIE ZEIT: Der Kunstbegriff hat, wie wir alle ja täglich erleben, sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten enorm erweitert. Kann man mit denselben Antennen, mit denen man einen Rembrandt schätzt und einschätzt, ein zeitgenössisches Kunstwerk beurteilen?

SCHMALENBACH: Ich glaube schon, weil ich nicht glaube, daß die Kunst sich qualitativ verändert hat, nur weil alle möglichen Sparten dazugekommen sind und die Grenzen sich aufgelöst haben.