/ Von Benedikt Erenz

Durch den Torweg geht ein alter Mann. Spricht er mit sich selber? Im dunklen Bogen hallt die Stimme wider, begleitet von einem dünnen Rappeln. Ein Geräusch wie metallenes Husten: ein blaues Fahrrad läuft neben ihm her. Er spricht, das Rad hört zu; ab und zu hustet es. Er kennt keinen treueren Gesprächspartner. Das Rad hustet, wenn es an einen Stein stößt, wenn der Mann eine Pause macht. Dann weiß er, das Rad hat verstanden, das Rad stimmt ihm zu. Überhaupt widerspricht das Rad nur selten – wie man jemandem nur selten widerspricht, den man ganz kennt bis in die letzten Winkel der abstrusen Gedanken.

„Niemand“, sagt Jürgen Klünder vom „Deutschen Institut für Puppenspiel“ in Bochum, „kennt uns besser als die Puppen, die Teddybären, die Schmusekissen unserer Kindheit.“ Ihnen haben wir so viel von uns anvertraut, mehr als Vater und Mutter, als Schwester, Bruder und Freund. Mit ihnen alberten und weinten wir uns in den Schlaf, mit ihnen führten wir tiefe Gespräche an regnerischen Nachmittagen, teilten mit ihnen die aufgeregte Erwartung in der Bahn, auf dem Rücksitz des Autos, wenn es in die Ferien ging, und unsere Furcht vor der nächsten Klassenarbeit. Niemand könnte besser als sie die Biographie unserer Kindheit schreiben.

Ich muß an den Mann im Torweg denken. „Daß Dinge eine Seele haben, haben könnten – also dieser unausrottbare, tiefe Animismus in uns – das“, sagt Jürgen Klünder, „ist ja das Geheimnis der Puppen, der Figuren, das, was uns an ihnen reizt.“ Das Spiel mit Figuren, das Verwandeln von toten Dingen in Lebende ist das Spiel mit den Möglichkeiten der eigenen Freiheit, die Rückverwandlung der eigenen an unsichtbaren Fäden hängenden Existenz in ein beseeltes Ding. Die Grenzen zwischen uns und dem Unbelebten verwischen, die Welt wird wieder ganz.

Mit Kasperle und Gretel und dem Krokodil hat das allerdings nur noch sehr entfernt zu tun. „Wenn man einmal begriffen hat“, erklärt Klünder, „wie das Spiel mit Figuren menschliches Leben interpretieren, erweitern kann, welche sensationellen Möglichkeiten es hier gibt, dann wird aus dem Kindervergnügen rasch eine spannende, große Kunst.“

Die Räume im „Deutschen Institut für Puppenspiel“ wirken noch etwas karg, man ist gerade umgezogen. Das neue Haus an der Hattinger Straße sieht aus wie ein altes Fabrikantenschloß – war jedoch nichts als ein im Stil der Jahrhundertwende maskierter, mit Zimmern umkleideter Wasserturm. Oben, in die beiden kolossalen Tanks, sollen zwei Theatersäle eingebaut werden, das „Institut“ will auch Spielstätte sein. Ein Palais, in Wirklichkeit ein Wasserturm, in Wirklichkeit das „Deutsche Institut für Puppenspiel“ – so steckt eine Puppe in der anderen, so verwandelt sich alles und ständig, und der grüne Sessel, in dem ich sitze, und die Kaffeekanne auf dem Tisch, Zuckerschale und Milchdose sind mir schon nicht mehr ganz geheuer.

„Alles kann Figur sein“, erklärt Jürgen Klünder, „alles kann sich plötzlich bewegen, Sprache bekommen, Gestik, Leben. Man muß das Puppenspiel nur einmal als Figurentheater ernstnehmen, es aus dem Kinderzimmer herausholen.“

Sicher, es hat schon immer Puppenbühnen für Erwachsene gegeben: das Kölner „Hännesche Theater“, die sizilianische „Opera dei Pupi“, das japanische „Bunraku“ und manches andere mehr. Große Werke der Weltliteratur, „Faust“ und „Hamlet“, die Stücke der Comedia dell’ Arte wurden von Puppenspielern durch Europa getragen, hatten ihre örtliche Premiere oftmals auf dieser kleinsten Bühne.

Aber das war (wenn auch beeindruckendes) „Ersatz“-Theater, Kopie des „echten“ Schauspiels, und es kann dem Bochumer Institut bei allem Respekt, bei aller Liebe zu dieser großartigen Tradition nicht darum gehen, hier nur die Geschichte zu pflegen und musealen Ehrgeiz zu befriedigen. Zwar hütet man einen großen Schatz an alten Figuren und Spielplänen und besitzt, mit Stolz vermerkt, die größte Papiertheatersammlung der Welt – doch das Ziel der Arbeit ist ein anderes, nämlich diese Tradition aufbrechen zu helfen, zu neuen, eigenen Spielformen zu ermutigen und das Puppenspiel, an dem sämtliche Theaterrevolten und -revolutionen der letzten Jahrzehnte nahezu spurlos vorbeigegangen sind, endlich aus seinem Dornröschenschlaf aufzuwecken.

„Es geht darum“, beschreibt Jürgen Klünder seine Vorstellungen, „dieses Theater endlich als eigenständige Kunstform neben Schauspiel, Oper, Ballett zu etablieren, es endlich als Theater zu entdecken.“

Das Bochumer Institut ist eine in Westeuropa einzigartige Einrichtung. Der Verleger und Enthusiast Fritz Wortelmann hatte es 1950 gegründet und bis 1976 selbst geleitet. Theatergeschichtliche Sammlung und Bibliothek, Forschungsstätte und – zeitweilig – auch Schule, alles was zu einem seriösen „Deutschen Institut“ gehört, unter einem Dach. Vier Schriftenreihen werden hier inzwischen verlegt, darunter die „Meister des Puppenspiels“, Monographien bedeutender Figurentheater in aller Welt – eine bereits auf rund vierzig Titel angewachsene Edition. Im Gegensatz zu einzig vergleichbaren Zentren in Osteuropa interessiert die Bochumer vor allem das Figurentheater „für Erwachsene“. Ihm ist auch das alljährlich im Frühsommer stattfindende Festival „Fidena“ („Figurentheater der Nationen“) gewidmet, mit vielen hundert Fans und Freunden aus allen Erdteilen.

Jürgen Klünder selbst kam „eher zufällig“ an das Bochumer Institut. Er hatte in Hamburg und Wien Theaterwissenschaften studiert und war nach der Promotion als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hongkong gegangen. Dort entdeckte er, auf der Suche nach fernöstlicher Bühnenkunst, das alte chinesische Puppentheater. „Es waren die letzten Überbleibsel einer antiken Tradition“, erzählt er, „alte Meister, aus der Volksrepublik herübergekommen, aber ohne Schüler, ohne Erben.“ Er filmte, machte Tonbandaufnahmen und flog mit vollen Koffern zurück nach Deutschland, wo sich die Bochumer sofort für seine Trouvaillen interessierten. Eine erste Beziehung war hergestellt, und nur kurze Zeit später, als Fritz Wortelmann starb, übernahm er – „es ging alles sehr schnell“ – die Leitung des Instituts.

„Was sind das für Leute – Puppenspieler?“, frage ich und muß wieder an den Mann mit dem Fahrrad denken.

Klünder zögert ein wenig mit der Antwort: „Es gibt mancherlei Gründe, sich mit Figuren zu beschäftigen. Natürlich interessiert es vor allem die Pädagogen, die Lehrer, die Erzieher, Therapeuten. Viele haben entdeckt, wie der Umgang mit Figuren Leben in den pädagogischen Alltag bringt, wie man lernen kann im Spiel, im Dialog mit Dingen, die eigentlich gar nicht sprechen können. Kasperle ist mutiger geworden; es gibt viel Neues, Experimentelles. Doch am interessantesten ist die neue Entwicklung im ‚Erwachsenentheater‘. Hier sind es plötzlich Maler, Tänzer, Schauspieler, die das Figurentheater für sich entdecken. Es gibt junge Autoren, die für diese Bühne zu schreiben beginnen, neue Stoffe werden bearbeitet, die Grenzen zum Tanztheater, zur Performance sind fließend.“

Gegenstände zum Leben erwecken, das lustige oder gespenstische Sich-selbständig-Machen der Dinge – was könnte spannender, bedrohlicher, kurioser sein? Jeden Künstler, jeden Grenzgänger muß das faszinieren. „Aber“, frage ich, Kaffeetasse und Zuckerschale wohl im Auge behaltend, „kann man davon leben?“

Die alten Puppenspielerfamilien à la „Pole Poppenspäler“, seit Jahrhunderten miteinander verschwägert und versippt, mit ihrem wunderbaren Repertoire von Faust, der schönen Melusine und der heiligen Genoveva durch die Lande zuckelnd, sind ausgestorben. Puppenspieler für die Kinder von heute müssen sich gegen die „Sesamstraße“ und die „Muppets“ behaupten. Doch in Kindergärten und Schulen, bei Sommerfesten im Stadtpark, bei Regenwetter an der See und winters, zur Weihnachtszeit, gibt es wie eh und je ein begeistertes (Millionen-)Publikum. Das Institut vermittelt Aufführungen und verhilft jungen Truppen zu guten Engagements – hier versteht man sich durchaus auch als „Agentur“.

Beim „Erwachsenentheater“ ist das schon schwieriger. Die großen Bühnen zeigen sich desinteressiert. Selbst Claus Peymann, langjähriger Hausherr in Bochum und wahrlich kein Traditionalist, konnte sich nicht dazu durchringen, dem alten Studienfreund Klünder ab und zu mal das Schauspielhaus zu überlassen. Dabei gibt es viele Ensembles, die Neues erproben, auch Einzelkämpfer/denker/spieler, wie den Belgier Jan Roets, der mit seiner Performance „Jack-Crash“ beim letzten Bochumer Festival für Aufsehen sorgte, oder den Holländer Feike Boschma mit seiner Version von Daniel Defoes „Tagebuch aus dem Pestjahr“, einem gespenstisch-phantastischen Spiel mit allen möglichen Figurenarten.

Subventionen sind rar, und von den Millionen der städtischen Kulturetats fällt für die Puppenspieler – versteht sich – so gut wie gar nichts ab. Wie andere freie Gruppen auch müssen sie sich ihr Brot hart erspielen, oder aber sie frönen ihrer Leidenschaft nebenberuflich, als Lehrer, als Lehrende an einer Kunst-, Musik- oder Schauspielschule.

Oder als Dozent am Kolleg des .Bochumer Instituts. „Unser Traum“, erzählt Klünder, „ist natürlich die eigene Schule.“ Einige Jahre gab es sie, dann ging das Geld aus, und 1977 wurde das „Figurentheaterkolleg“ eingerichtet, das als „Einrichtung der Erwachsenenbildung“, wie es im Amtsdeutsch heißt, aus dem Volkshochschuletat bezahlt wird. Immerhin: rund 15 000 Teilnehmer haben hier seither Kurse belegt, und manche neue Bühne nahm in Bochum ihren Anfang. Wenn auch nur die wenigsten einen Beruf daraus machen wollen, oder können – das Spiel mit den Figuren, die Beobachtung wie uns ein vertrauter Gegenstand fremd wird, weil er plötzlich Eigenleben und Eigensinn entwickelt, schult den Blick für das andere, die – vielleicht rettende – Alternative.

Und daß es ganz einfach auch ein Riesenvergnügen ist, mit Dingen Kunst zu machen, die für andere Zwecke geschaffen sind, hat lange Zeit vor den Protagonisten der experimentellen Kunst schon Heinrich Heine beschrieben: In seinen „Bädern von Lucca“ beichtet die schöne Franscheska, aufs Sofa hingestreckt, ihre Lebensgeschichte – mit den Füßen: „Der blaue Fuß sollte den Abbate Cecco und der rote die arme Franscheska vorstellen, und indem sie ihre eigene Geschichte parodierte, ließ sie die beiden verliebten Füße von einander Abschied nehmen, und es war ein rührend närrisches Schauspiel, wie sich beide mit den Spitzen küßten und die zärtlichsten Dinge sagten ... Ade Cecco! Ade Franscheska! war der beständige Refrain, die verliebten Füßchen wollten sich nicht verlassen ...“

Nein, das hat mit Kasperle nichts zu tun. Aber es hat sehr viel damit zu tun, daß auch ein Fahrrad lebendig werden kann, oder eine Zuckerdose, und daß man auch mit seinen Füßen Liebesgeschichten erzählen kann. Puppenspiel, Figurentheater – das sind tausend Möglichkeiten, die erschaffene und geschaffene Welt, die immer nur ausgebeutete und ausgenutzte, zum Sprechen, zum Spielen zu bringen. Eine Kunst, die man lernen kann, in Bochum zum Beispiel, und wo immer der kleine Vorhang sich hebt.