Zu Anfang hielt man es eher für komisch, doch mittlerweile bleibt den Österreichern das Lachen im Halse stecken. Drei Monate nach dem Auffliegen des Skandals um den Staatsbetrieb Voest erschüttert schon wieder eine Affäre das Land. Diesmal trifft es die zweitgrößte Versicherung des Landes, die Wiener Bundesländer-Versicherung. Ihr jüngst abgesetzter Generaldirektor, Kurt Ruso, hat sein Unternehmen durch fingierte Schadensmeldungen nach bisherigem Stand um umgerechnet mehr als zwanzig Millionen Mark geschädigt. Ruso verteilte das Geld im Laufe der Jahre an mehr als hundert Personen. Und nun wird fieberhaft geprüft, wo das Geld gelandet ist.

Mit verwickelt in diesen Skandal ist eine prominente Persönlichkeit, die es in den vergangenen Wochen schon zu Schlagzeilen in Österreich brachte: Der Abt des Zisterzienserstiftes Rein in der Steiermark war vor kurzem von seinen Mitbrüdern wegen allzu lockerer Geschäftsführung und allzu losen Lebenswandels abgesetzt worden. Der lebenslustige Abt brachte viele Österreicher zum Schmunzeln, jetzt sitzt er gemeinsam mit dem Versicherungsdirektor in Untersuchungshaft, denn ihre Wege hatten sich gekreuzt. Der Abt hatte rund drei Millionen Mark von der Versicherung kassiert.

Die Bundesländer (rund 3800 Mitarbeiter, umgerechnet rund 1,2 Milliarden Mark Prämieneinnahmen) ist mehrheitlich im Besitz der österreichischen Bundesländer und daher der „schwarzen“ Reichshälfte, dem Einflußbereich der oppositionellen österreichischen Volkspartei (ÖVP), zuzurechnen.

Schon Ende vergangenen Jahres war Kurt Ruso als Generaldirektor der Versicherung abgesetzt und in Pension geschickt worden. Offiziell wurden damals Krankheitsgründe angegeben – Ruso ist erst Ende Vierzig –, inoffiziell wurde schnell bekannt, daß man seine Geschäftsführung kritisierte. Die Bundesländer war schlecht organisiert, von Ruso war bekannt, daß er trank.

Zum neuen Mann an der Spitze wurde Walter Petrak bestellt, zuvor äußerst erfolgreicher Chef der Raiffeisen-Versicherung. Petrak war bei seinem Wechsel wohl auf viel Arbeit gefaßt, nicht aber auf den Abgrund, auf den er nun gestoßen ist. Hausinterne Prüfungen hatten zutage gebracht, daß sein Vorgänger zusammen mit einigen Mitarbeitern Schadensmeldungen fingiert hatte und große Summen für Feuer- oder Wasserschäden auszahlen ließ.

Doch bisher ist nicht klar, ob die Versicherten, an die die Beträge überwiesen wurden, tatsächlich auch immer die Nutznießer waren. Vielmehr besteht der Verdacht, daß in manchen Fällen zu Policennummern in der Versicherung Schäden erfunden wurden, der Schadenersatz selbst aber dann an andere Personen ging. Die Unterschriften auf den Belegen scheinen gefälscht worden zu sein, oder sie fehlen. In anderen Fällen wiederum wurde das Geld auf Sparbücher von Personen überwiesen, die zum Zeitpunkt der Zahlung bereits gestorben waren.

Zwar hat sich Ruso selbst großzügig bedacht und einige seiner Mitarbeiter mit größeren Summen beglückt, aber die stattliche Summe von umgerechnet über zwanzig Millionen Mark läßt sich damit nicht erklären. So regt sich der Verdacht, daß sich dahinter eine Parteispendenaffäre verbergen könnte.

In den Reihen der Österreichischen Volkspartei geht schon die Angst um. Unter den Zahlungsempfängern, die bereits ausgemacht wurden, war ein ÖVP-Lokalpolitiker aus Wien. Der Mann gab an, von der Bundesländer Beraterhonorare bezogen zu haben. Doch über die näheren Umstände gab er sich ahnungslos. Er trat zurück und überwies das Geld an die Versicherung zurück.

Doch auch eine SPÖ-Regionalpolitikerin hatte große Summen von der Versicherung bezogen, ob zu Recht oder zu Unrecht, ist noch ungeklärt. Die Dame war allerdings schon im Vorjahr unter undurchsichtigen Umständen von ihren eigenen Parteigenossen ihres Postens enthoben worden.

Inzwischen wurde ein Wirtschaftsprüferteam damit beauftragt, die Geschäfte der Bundesländer zu prüfen, und es darf angenommen werden, daß der Fall eher größer als kleiner wird.

Irmgard Bayer