Von Silke Meinke

Kinder gewöhnen sich an alles!“ – gewiß, und mit ihnen Eltern und Lehrer. Hier geht es um die fragwürdige Eingewöhnung von Erstkläßlern in die Wirklichkeit der Schule. Wie Freude, Neugier, Motivation und Lernwille nur allzuschnell in der Schule dem Überdruß, der Trägheit, Unlust, gar der Verängstigung Platz machen, dies kennen wir aus bedrückender, dumpfer Erfahrung.

Hier – vor der Eingewöhnung in die „Wirklichkeit“ des Schullebens – ist das Feld der Grundschullehrerin und Autorin Ute Andresen. In ihrem Buch

Ute Andresen: So dumm sind sie nicht. Von der Würde der Kinder in der Schule, herausgegeben von Bernd Weidenmann, Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 1985,254 S., 24 Mark,

schaut sie alles an, was Schule ausmacht: Fibeln, Textaufgaben, Klassenräume, Lehrerwechsel, Lehr- und Lernmethoden, Hierarchien, zahlreiche Einzelsituationen aus dem Schulleben und vieles mehr. Ihr Maß ist das Kind, das noch nicht „eingewöhnte“ Kind, dessen Gefühle sie anerkennt wie die eigenen, denen sie angemessen zu begegnen sucht, ohne in kindertümelndes Verhalten zu verfallen. Es geht ihr darum, im Alltag des Lehrers „... den Alptraum zurückzudrängen, ... und dem Traum mehr Raum zu geben“. Dem Traum zum Beispiel, „daß Schule etwas Tolles sein könnte“. Sie zeigt, wie ganz übliche, verbreitete Unterrichtsmethoden das Lernen behindern, die Kinder im Nachdenken hemmen, einschränken, letztlich nur „armseligen, toten Inhalt“ produzieren. So „vernebelt“, glaubt die Autorin, pädagogisches Wissen oft den Blick und spart das Leben aus.

Dadurch, daß sich Ute Andresen ganz auf die kindliche Sichtweite konzentriert, wird das Einfühlungsvermögen des erwachsenen Lesers durchaus strapaziert. Dennoch liest sich das Buch leicht.

Die Ergebnisse ihrer einfühlsamen Überlegungen und Analysen sind einfach, liegen auf der Hand und verblüffen gerade deswegen: Warum sollte einem Kind mit Rechtschreibschwierigkeiten nicht erlaubt sein, beim (Übungs-)Diktat nachzufragen, wie ein Wort geschrieben wird? Das steht unserer Vorstellung von „Diktat“ entgegen und ist doch nur eine Art zu lernen, die „nichts als natürlich“ ist. Und obendrein erfolgreich, wie die Autorin weiß.