Von Rolf Zundel

München, im März

Die Gesellschaft war gediegen: Unternehmer, Vertreter industrienaher Verbände, Professoren. Und sie präsentierte sich so, wie Versammlungen wichtiger Persönlichkeiten in der Regel in Erscheinung treten: Männer mittleren und vorgerückten Alters, die es zu etwas gebracht haben und angenehme Umgangsformen pflegen – mit ein paar Frauen, Pardon: Damen als Farbtupfer. Man traf sich, wie üblich, in München, in der Hauptstadt jenes Bundeslandes, wo die Gesellschaft bekanntermaßen noch in Ordnung ist, und in angemessenem Rahmen – im Hotel Vierjahreszeiten. Bundesrepublikanische Normalität.

Aber einiges war ungewöhnlich auf diesem Kolloquium, das die von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) finanzierte Walter-Raymond-Stiftung organisiert hatte. Da bekannte ein Unternehmer, er beneide "die Frau um das Gebärenkönnen, nehmen Sie mir das bitte ab", einer seiner Kollegen mahnte: "Wir müssen die weiblichen Fähigkeiten im Betrieb zur Geltung bringen", ein anderer versicherte: "Die gelernte Mutter ist (im Betrieb) an Leistung überlegen."

Wo so geredet wird, sprechen Männer über Frauen. Und tatsächlich geriet das Treffen, das eigentlich dem Thema "Familie und Arbeitswelt" gewidmet war, mitunter und unversehens zur Debatte darüber, ob nun nach Marxismus und Mitbestimmung der Feminismus das neue Schreckgespenst sei, das die Unternehmer heimsuche.

Anders als bei der Mitbestimmung oder gar gegenüber dem Marxismus ist die Abwehrfront diesmal nicht so klar gezogen. Die Interessen- und Gemütslage ist zwiespältig. Einerseits die Sehnsucht nach der heilen Familie, andererseits der Wunsch, die weibliche Arbeitskraft zu nutzen ("in zehn Jahren werden wir um sie werben müssen"), fast undifferenziertes Lob für die gesellschaftserhaltende Funktion der Familie, zugleich Festhalten an den Gesetzen der arbeitsteiligen gewinnorientierten Wirtschaft: Geht das noch zusammen?

Die traditionelle Trennung von Arbeitswelt und Privatwelt läßt sich, das haben aufgeweckte Unternehmer begriffen, nicht mehr so einfach aufrechterhalten, es sei denn unter hohen, vielleicht zu hohen Kosten für den sozialen Frieden. Die alte Vorstellung, die Familie, wenn sie nur richtig gepflegt werde, liefere weiterhin stabile, leistungsfähige Arbeitnehmer, überzeugt nicht mehr ganz. Die beiden Hauptelemente modernen Konservatismus – Familie und Marktwirtschaft – geraten immer deutlicher in Widerspruch.