Zunächst beruhigte die Siemens AG ihre Kunden. Man denke nicht daran, sich aus dem Geschäft mit Großcomputern zurückzuziehen, hieß es am vergangenen Montag in der Konzernzentrale des Elektroriesen in München. Dann packten die verantwortlichen Manager ihre Koffer und machten sich auf die Reise nach Tokio. Sie wollen dort bei ihrem Kooperationspartner Fujitsu sondieren, wie es um die künftige Zusammenarbeit steht. Ein Rechtsstreit zwischen dem japanischen Unternehmen und dem amerikanischen Konkurrenten IBM hatte Zweifel aufkommen lassen.

Die Japaner beliefern den deutschen Konzern seit sieben Jahren mit Großrechnern, die Siemens als Serie 7800 unter eigenem Namen verkauft. Das Besondere an den japanischen Zahlenfressern ist, daß sie nach dem Prinzip der Maschinen des Weltmarktführers IBM arbeiten. Sie verdauen auch alle IBM-Anwenderprogramme. Kunden, die oft Millionen von Mark in diese Software gesteckt haben, sind deshalb nicht mehr auf Gedeih und Verderb vom Marktführer abhängig – dank der IBM-kompatiblen Maschinen von Fujitsu oder anderen Herstellern.

Darin sah Ende der siebziger Jahre der damalige Siemens-Computerchef Anton Peisl eine Chance. Neben der eigenständigen, aus eigener Entwicklung stammenden Computerfamilie (7700, später 7500) nahm er die IBM-kompatiblen Rechner aus Japan in sein Angebot auf, um in den Kundenkreis des amerikanischen Marktführers eindringen zu können.

Das gelang ihm in Maßen. Rund zehn Prozent des Vier-Milliarden-Umsatzes, den der Münchner Konzern mit Computern macht, stammen aus dem Fernen Osten. Mehr noch zählt aber, daß das deutsche Unternehmen, dessen Gesamtumsatz 54

Milliarden Mark beträgt, durch die Kooperation mit den Japanern Anschluß an die oberste Computer-Klasse gefunden hat.

Nun ist es gerade deren Ähnlichkeit mit dem Konkurrenz-Produkt von IBM, die dem japanischen Partner Ärger bereitet. Zu jeder Maschine gehört ein sogenanntes Betriebssystem, das die Anwender-Programme erst zum Laufen bringt. MSP nennen die Japaner ihr Pendant zum IBM-System MVS: Allein um diese spezielle Art der Software ist zwischen IBM und Fujitsu der Streit entbrannt. Der US-Computergigant sieht sein Copyright verletzt. Die Lieferung des japanischen Betriebssystems mußte eingestellt werden.

„Kein Grund zur Dramatisierung“, beruhigt Siemens-Direktor Helmfrid Fülling. Denn der überwiegende Teil der Siemens-Kunden kauft zwar die deutlich billigere Hardware von Fujitsu, läßt darauf aber das IBM-Betriebssystem laufen. Selbst IBM-Pressesprecher Paulus Burkert beeilt sich zu versichern: „Wir bieten auch weiterhin jedem unser Betriebssystem an, der es haben will, auch jedem Siemens/Fujitsu-Kunden.“ Warum also der überstürzte Aufbruch der Siemens-Manager nach Japan? Der Kontrakt über die Lieferung von Rechnern läuft schließlich erst 1989 aus.